—
——
“
—
188
Skizzen aus dem Land- und Jägerleben. Wort und Bild von Ludwig Beckmann. 3. Eine Otterhetze.
Auf dem holperigen Knüppeldamme, der ſich zwiſchen den letzten armſeligen Hütten eines Haidedorfs hervorwindet und quer über das nahe Torfmoor führt, ſchritten am Abend eines heißen Julitages vier Jäger dahin, gefolgt von ihren Hunden. Es handelte ſich um einen Anſtand auf junge Wildenten, welche unter Anführung ihrer Mütter ihre erſten Flugexercitien allabendlich über der weiten Moorfläche ausführten. Bei der Ueberbrückung eines breiten Waſſer⸗ grabens verließen wir den Damm, zwei meiner Gefährten wählten hier ihren Stand hinter den alten Kopfweiden, während der local⸗ kundige Nevierjäger mich erſuchte, ihn zu einem tiefer im Bruche gelegenen Teiche zu begleiten.
Hart am Rande eines ſchmalen Abzugsgrabens, in welchem rothes, eiſenhaltiges Waſſer ſtagnirte und in allen Regenbogen⸗ farben ſchillerte, führte uns ein unſcheinbarer Pfad bald zwiſchen ſumpfigen Lachen und dürren Graskaupen, bald neben bodenloſen Torflöchern und über tückiſchen Moorgrund von gleißend grüner Farbe ſicher dahin, bis wir endlich vor einer rieſigen Schilfrohr⸗ wand am Ufer des Teiches anlangten. Mein Führer rieth mir, hier meinen Stand einzunehmen, und trabte dann eiligſt weiter zum anderen Ende des Teiches, denn die Sonne ging bereits zur Rüſte.— Nachdem ein raſcher Ueberblick mich belehrt, daß mein Platz eben nicht comfortabel, indeß auf der ganzen Fronte von gleicher Beſchaffenheit ſein würde, brach ich zunächſt eine Schießlücke in das dichte Geröhricht und zündete eine Cigarre an. Das Ge⸗ wehr ſchußfertig im Arm, wartete ich nun in aller Ruhe der Enten, die da kommen ſollten.
Wenn man längere Zeit hindurch ſich ausſchließlich in ſehr cultivirten Diſtricten aufgehalten, wo jeder Fußbreit Landes ſorg⸗ fältig bearbeitet und ausgenutzt wird, ſo macht ſo ein urwüchſiger Torfbruch immer einen eigenthümlichen melancholiſchen Eindruck. Namentlich an dem heutigen gewitterſchwülen Abende, wo ein tiefes Schwarzblau faſt den ganzen Himmel überzog, nur am weſtlichen Horizont von einer glühend rothen Schicht durchbrochen. Tiefe Stille lagerte über der weiten graugrünen Moorfläche, auf welcher nur einzelne dunklere Punkte— die Erlenbüſche an den Gräben— und größere dunkle Streifen— das Schilf der Teiche und Torf⸗ loͤcher— hier und da neben blinkenden kleinen Waſſerflächen zerſtreut waren. Kein lebendes Weſen war zu erblicken, nur ein hungeriger Sperber ſtrich in niedrigem Fluge raſch zwiſchen den Ginſterbüſchen am Hügel dahin. Es war wohl der letzte Tages⸗ gaſt, denn das Roth im Weſten iſt allmählich verglommen und in trübes Grau übergegangen, ein weißer horizontaler Nebelſtreif zeigt ſich bereits unten auf dem Moore und rückt mit jeder Secunde näher. Jetzt ſind ſchon die Ausläufe der niederen Hügelkette rechts im Nebel verhüllt und bald erſcheint das ganze Moor nur noch wie ein weiter dampfender See, ſo daß meine leidenſchaftlichen Be⸗ trachtungen ausſchließlich auf die allernächſte Umgebung beſchränkt werden.
Letztere iſt allerdings nicht ſehr erquicklich, und es gehört wirk⸗ lich ſchon etwas Jagdpaſſion dazu, an einem ſolchen Platze im Mo⸗ nat Juli oder Auguſt nach Sonnenuntergaug auch nur eine Viertel⸗ ſtunde lang auszuharren! Ringsum von hohem, ſchneidigem Schilf und klebrigen Erlenblättern umgeben, abwechſelnd mit dem einen Fuße im Waſſer, mit dem andern auf einer winzigen Graskaupe ſtehend, verſucht man vergebens, durch anhaltendes Kopfſchütteln, Cigarrendampf ꝛc. ſich der Myriaden von Mücken zu erwehren, welche mit der zunehmenden Dunkelheit in immer dichteren Schwär⸗ men dem feuchten Grunde entſteigen und immer unverſchämter und rückſichtsloſer Geſicht und Hände des unglücklichen Entenjägers be⸗ lagern und zerſtechen. Der arme Hund zu unſeren Füßen iſt be⸗ reits völlig nervös geworden, und um ihn nur einigermaßen zu beruhigen, bleibt nichts übrig, als ihn mit dem leinenen Regenkittel zu überdecken, ſo daß nur Naſe und Augen hervorſtehen, denn er will doch wiſſen, was um ihn her vorgeht.
Ein Paar Nachtſchwalben, welche in lautloſem Fluge vorüber⸗ gaukeln und dann im Nebel verſchwinden, entziehen uns für einige Augenblicke dieſen trüben Betrachtungen. Dann läßt ſich hoch über unſerem Kopfe ein ſonores, feierliches Brummen in der Luft vernehmen— es iſt der große Hirſchkäfer, der„fliegende Hirſch“
der Franzoſen, welcher vom fernen Eichenwalde her quer über das Moor ſtreicht. Sonſt iſt Alles todtenſtill und außer dem mono⸗ tonen„Singen“ der Mücken hört man nur hin und wieder das Plumpſen der Fröſche in den Waſſergräben, denn ihre Quak⸗Saiſon iſt ja glücklicherweiſe bereits vorüber.
dort gegen den hellen Streif am Abendhimmel ſind die Langhälſe bereits deutlich ſichtbar, die Alte vorauf— hinterdrein die Jungen, des Fluges noch ungewohnt, denn ab und zu kommt eins aus der Balance, ſchlägt einen Purzelbaum in der Luft und arbeitet nun aus Leibeskräften, um wieder in Reihe und Glied zu kommen. Vorläufig bleiben ſie außer Schußweite, allein ſie werden wieder⸗ kehren oder ein anderer Schütze wird bei einer Seitenſchwenkung der Kette glücklicher ſein.—
Volle fünf Minuten haben wir— der Enten wegen— mit verhaltenem Athem, unbeweglich wie eine Salzſäule, in geſpannteſter Erwartung dageſtanden und die Mücken haben dieſe Gelegenheit redlich benutzt! Die rechte Hand, welche den Gewehrſchaft umſpannt hält, leidet am meiſten, ſie iſt buchſtäblich von einer dicken grauen Schicht Mücken bedeckt. Unwillkürlich fahren wir raſch mit den Fingern der Linken darüber, welche auf dem rechten Handrücken ſofort vier breite, naſſe Streifen zurücklaſſen, die wir bei näherer Betrachtung wohl für unſer eigenes rothes Blut anſprechen müſſen, welches uns inzwiſchen von einer Unzahl dieſer kleinen Vampyre abgezapft wurde!
In dieſem Augenblicke ſtupfte mein Hund— welcher unter ſeinem Jagdkittel hervor aufmerkſamer als ich den Waſſerſpiegel betrachtet hatte plötzlich ſeine breite Naſe leiſe, leiſe gegen mein Bein, um mir anzudeuten, daß etwas in Sicht ſei. Ich entdeckte indeß nichts, als weiter unten im Uferſchatten links einen ſchmalen bewegten Waſſerſtreifen, wie ihn wohl eine ſchwimmende Waſſerratte zu verurſachen pflegt.
Brahk! brahk!— brahkl erſchallte weiter rechts plötzlich der heiſere Angſtſchrei eines alten Erpels, der ſich mit lautem Geplätſcher am jenſeitigen Ufer erhob.— Ich wagte einen Schnappſchuß durch Schilf und Nebel dahin— er glückte, und kopfüber ſchlug der un⸗ glückliche Erpel mit ſchwerem Falle auf's jenſeitige Ufer nieder.
„Couche! Paſcha!— keine Ueberſtürzung, zum Apportiren iſt nachher Zeit; dort drüben ſtreichen bereits wieder Enten.“— Der Hund legte ſich gehorſam nieder, während ich in aller Eile den abgeſchoſſenen Lauf lud und mir nebenbei den Kopf zerbrach, wie der Expel ſo unbemerkt auf den Teich gekommen ſein möge und was ihn wohl ſo erſchreckt und zum Aufſtehen gebracht haben könne. Da knallte der Revierjäger am anderen Ende des Teiches zwei Mal kurz hintereinander, was immer ein faules Zeichen iſt. Dann hörte ich, wie er ſeinen Hund hetzte und wie dieſer ein jämmerliches Klagegeheul ausſtieß, welches allmählich in ein er⸗ bittertes Verbellen überging.
„Schicken Sie Ihren Hund doch'mal herunter, Herr X.,“ rief der Jäger mir zu,„ich habe einen Otter hier im Graben!“
Nun war das allerdings eine gelinde Zumuthung, allein mein Paſcha war ein zäher, raufluſtiger Camerad, der in derartigen Aventuren bereits einige Praxis hatte, und ſo ließ ich ihn denn mit„Waidmanns Heil“ von dannen fahren.
„Avance! Paſcha! faß ihn!“
Das ließ ſich Paſcha nicht zwei Mal ſagen— mit einem Satze war er von ſeinem Laͤger und aus dem Schilfe heraus— mit dem zweiten Satze aber— mitten im Teich, um ſeine heißer⸗ ſehnte Ente zu apportiren! Dabei ſchleifte er meinen Jagd⸗ kittel noch mindeſtens fünf Schritte weit auf dem Rücken mit ſich in's Waſſer.—
Wohl hätte ich mir nun an den Fingern abzählen können, daß es ſo kommen werde, allein wer kann auch an Alles denken?
Als Paſcha ſeine Ente und ich meinen Kittel herausgefiſcht
hatte, beeilten wir uns, dem Revierjäger zu Hülfe zu kommen.—
Der Otter hatte ſich inzwiſchen auf ein für Menſchen faſt unzu⸗ gängliches Sumpfterrain unter einen Weidenbuſch geflüchtet und ließ ſich dort von dem Hunde verbellen.
—
—
—
——
1y
GS


