Jahrgang 
12 (1868)
Seite
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liegenden Schloſſe von Schmölln zu bringen. Ehe man jedoch dort ankam, ließ Devrient den Wagen am Eingange eines jungen, ſorgfältig gepflegten Nadelwaldes halten, um ſeinen Lieblingsſpazier⸗ gang mit den Freunden einzuſchlagen. Es war Mittagszeit, die Auguſtſonne brannte glühend herab, um ſo erquickender wurde das Wandeln auf grünem Mooſe und im Schatten der Waldbäume. Die früher ſchon rege Unterhaltung belebte ſich mehr und mehr und ſteigerte ſich zu ſolcher Heiterkeit, daß es ſchien, als ſeien die ſeit Johannis ſchweigſam gewordenen Singvögel wieder eingezogen. Namentlich thaute auch der ſonſt ſo ernſte Gutzkow auf und wechſelte mit Devrient manch' heitere Erinnerung an das Dresdner Leben und an das mehrjährige gemeinſame Wirken an der dortigen Hof⸗ bühne, bei welcher Gutzkow bekanntlich mehrere Jahre lang als Dramaturg thätig geweſen war. Nur ein ernſter Zug miſchte ſich in die Unterhaltung: Gutzkow hatte von Weimar die Einladung empfangen, als Generalſecretär der deutſchen Schillerſtiftung einzu⸗ treten, und ſah voll idealer Begeiſterung für das ihm dadurch ſich öffnende, dem Gemeinwohl nützliche Wirken freudig dieſer Stellung entgegen. Es war aber nicht nur die Bekümmerniß, den geliebten Dichter und Freund in Dresden verlieren zu ſollen, ſondern eine Art düſterer Ahnung, welche ſämmtliche Anweſende, vor Allen auch Devrient veranlaßte, Gutzkow von der Annahme dieſer Stellung abzureden. So wenig man auch die wohlwollende Abſicht des Großherzogs von Weimar, die freundſchaftliche Geſinnung Dingel⸗ ſtedt's verkannte, dem Dichter ein der That geweihtes, doch immerhin ſtilles, zu neuen Schöpfungen anregendes Aſyl zu ſchaffen, ſo wenig glaubten doch Gutzkow's Dresdner Freunde an das Ge⸗ deihliche dieſer neuen Stellung für Gutzkow ſelbſt. Der junge grüne Nadelwald von Schmölln mag es dem Parke zu Weimar und dem Thüringer Tannenhaine erzählen, daß er zuerſt eine düſtere Wolke über dem theuren Dichterhaupte aufſteigen ſah.

Nach kurzer Wanderung war das Schloß erreicht. Der Wagen hatte unterdeß ein vom Gaſtgeber vorſorglich von Dresden anher befördertes, in eine Hülle von Eis eingelegtes Fäßlein köſtlichſten bairiſchen Bieres unter die Bäume des Schloßeinganges gebracht, und man ſtärkte ſich an dieſem freundlichen Labetrunke mit ganz

beſonderem Appetite. Hierauf geleitetete der Herr von Schmölln ſeine Gäſte in die wohnlich eingerichteten Zimmer des Schloſſes.

Der feinſte, künſtleriſchſte Geſchmack leuchtete in ſolider Einfachheit aus Meublement, Gemälden, Statuetten und Kupferſtichen hervor,

und ſ lichen Hingebung an all' das Schöne zu entziehen, um die land⸗ wirthſchaftlichen Etabliſſements des großen Gehöftes zu beſichtigen. Mit der ihm angeborenen Elaſticität der Bewegung verwandelte ſich der Künſtler nunmehr in den wohlunterrichteten Oekonomen; der Kuhſtall wurde beſichtigt, und man empfing aus des großen Mimen Munde Erläuterungen über die verſchiedenen Racen der wohlgepflegten Ninderwelt; nebenher erhielt wohl auch die Groß⸗ magd oder die Mittelmagd ein kleines Lob, einen Tadel, die Auf⸗ forderung zu Dieſem und Jenem. Man gelangte zu Beſichtigung der Pferde und zu dem Schafſtalle; auch hinſichtlich der Mütter und Lämmer war der Beſitzer ſehr wohl zu Hauſe. Sodann wurde eine ausgezeichnete Schweinezucht vorgeführt, und wir ſahen unſern Marquis Poſa vollſtändig unterrichtet über die Ferkelfütte⸗ rung. Schöne Theaterbeſucherin, die Du von Deinem Don Carlos

(auch ihn hat Devrient geſpielt) Tag und Nacht träumſt,fängt⸗

Dir der Knabe Karl an fürchterlich zu werden? Halte an Deiner Bewunderung feſt! Hätteſt Du die natürliche Grazie des großen Künſtlers auch im Wirthſchaftshofe anſtaunen können, ſo würde Dir ſeine edle Wahrheit auf der Bühne noch einleuchtender geworden ſein.

Es mochte die dritte Stunde des Nachmittags herangekommen ein, als der freundliche Wirth ſeine Gäſte in das geräumige Speiſezimmer des Schloſſes zurückführte. Die äußere Einrichtung der Tafel war ſo geſchmackvoll, daß man den abrundenden, ſym⸗ metriſch ordnenden Blick des Hausherrn auch hier nachahnte; dienende Geiſter allein wiſſen derartigen Arrangements die letzte Feile nicht zu geben. Gutzkow nahm Platz an dem einen, Devrient an dem andern Ende der Tafel, die übrigen Herren reihten ſich mitten ein. Eine ziemlich große Reihe feiner, aber durchaus ſolider, nicht an das hotelmäßige Durcheinander anſtreifender Speiſen folgie nacheinander, und vom einfachenRothen und Weißen ver⸗ ſtieg man ſich bald zu ausgeſuchten, vorzüglichen Cabinetsweinen. Der Erzähler Dieſes hat zwar viel Geſchmack für ſolche Genüſſe, aber ein ſehr ſchlechtes Gedächtniß dafür, was die leſenden Haus⸗

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frauen ihm verzeihen mögen. der geiſtigen Unterhaltung, die ſich während der Tafel entſpann.

chwer folgte man dem Rufe des Gaſtgebers, ſich der beſchau⸗

Verweilen wir aber ein wenig bei

Den erſten Toaſt brachte Devrient auf ſeine Gäſte, Gutzkow er⸗ widerte ihn in einem äußerſt gewandten, formſchweren Gedichte, ernſte und heitere Tiſchreden der Anderen folgten; inzwiſchen eine belebte Unterhaltung über alle Dinge der Welt, namentlich über das Theater. Als aber Devrient das Glas Steinberger mit den Worten erhob:Auf Richard Savage und ſeine Folgen! und als Gutzkow dieſe Worte mit wärmſtem Gegengruße erwiderte, tönte von allen Seiten die Frage nach der Bedeutung dieſes Spruches.

In lebendiger Weiſe erzählte nun der große Darſteller ſein erſtes Bekanntwerden mit dem anweſenden Dichter. Devrient hatte ſich nach längerer Wirkſamkeit in Dresden in die Weltſtadt Paris begeben, um ſein damals verdüſtertes Gemüth durch Anſchauung einer neuen Sphäre aufzuheitern. Erfüllt von den Eindrücken der Darſtellungsweiſe einer Mars, einer Nachel, eines Bouffé, Arnal, kehrte der Künſtler nach Deutſchland(1839) zurück, um merkwür⸗ diger Weiſe auch hier wieder ganz neuen Elementen des drama⸗ tiſchen Lebens entgegengeführt zu werden. Achtzehn Jahre eines Künſtlerlebens lagen bereits hinter Devrient, als er aus Paris nach Frankfurt a. M. zurückkehrte, und wenn man die hohe Be⸗ deutung erwägt, die ſich derſelbe in dieſer Zeit und namentlich während ſeiner Wirkſamkeit in Dresden und in ſeinen Gaſtrollen auf den hervorragendſten Bühnen Deutſchlands erworben; wenn man die wirkungsreiche ideale Abgeſchloſſenheit des Charakters in das Auge faßt, mit welcher Devrient ſeine Kunſt beherrſchte, ſo ſollte man meinen, daß nicht leicht ein Etwas zu denken wäre, das nene Strömungen erweckend in dieſes Künſtlerleben hätte eintreten können. Und doch war es ſo. In Frankfurt war ein friſches Bühnenleben durch Seydelmann und Döring erwacht, und die Träger einerjungen Literatur waren mit dem Theater in Wechſel⸗ wirkung getreten. Devrient lernte Gutzkow kennen, der ſoeben ſeinen Richard Savage der Bühne übergeben hatte, intereſſirte ſich ſofort auf das Lebhafteſte für dieſes Stück und verlangte von der Frank⸗ furter Bühnendirection, ihm die Titelrolle deſſelben in ſein Gaſtſpiel einzureihen. 3

Der Director widerrieth das, da eine vor Kurzem ſtattgehabte erſte Aufführung des Savage keine ganz glückliche geweſen war. Devrient beſtand jedoch auf ſeinem Vorhaben und Gutzkow hatte die Genugthuung, zu ſehen, daß das nicht volle Gelingen der erſten Aufführung nur der unvollkommenen Darſtellung des Nichard zu⸗ zuſchreiben geweſen war, denn Devrient's Vorführung des Sujets erregte unabläſſigen Jubel des Publicums und führte das Stück auf den bedeutendſten Bühnen Deutſchlands ein. Seitdem iſt Devrient nicht nur mit Gutzkow in fortdauernder Wechſelwirkung geblieben, ſondern hat ſich auch der Productionen von Prutz, Moſen, Laube bemächtigt. berührte den Künſtler an Leib und Seele, ein raſtloſer Thätigkeits⸗ trieb erfaßte den Darſteller des Alt- und Neuclaſſiſchen. Wiſſen wir doch, daß es auch Devrient war, deutſchen Bühnen gab. Er ſetzte es durch, daß Gutzkow ſelbſt die Leſeprobe in Dresden leitete, daß das Stück zur Aufführung kam; er war Urſache, daß Gutzkow als Dramaturg in Dresden ange⸗ ſtellt wurde.

Außerordentlich belebend haben Beide auf einander gewirkt, und Wunder darf es alſo nicht nehmen, daß citirter Trinkſpruch den ihm gegenüberſitzenden Dichter elektriſirte. Devrient's Eigenſchaften als Künſtler ſtehen die echt menſchlichen ſchmückend zur Seite: die der treuen Anhänglichkeit, der⸗Dankbarkeit. Wie lebendig anerkannte er bei dem Mahle, das wir hier ſchildern, welch' mächtige Einwirkung die junge dramatiſche dem Jahre 1839 auf ihn gehabt habe! Von welch⸗ großartiger

Thätigkeit ſeit jener Zeit der Künſtler beſeelt war, geht aus einer

Bemerkung hervor, die Gutzkow in genauer Kenntniß der That⸗ ſachen einflocht. In Frankfurt a. M. gab Devrient 1839 nach⸗ einander vierundzwanzig Vorſtellungen, die, wie der Dichter referirte, eine bisher in der theatraliſchen Welt unbekannt geweſene Aufregung hervorriefen. Vorſtellungen, in München zehn, gleicher Zeit in Mannheim, Mainz und Fraukfurt a. M. Am 12. April 1841 eröffnete der Künſtler das neue Theater in Dresden mitTaſſo und gab darauf in drei Monaten in Peſth zweiu zwanzig Vorſtellungen.

Der Hauch eines neuen, jungen Lebens

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Devrient's oben

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In Breslau folgten im nächſten Jahre vierzehn und achtzehn Vorſtellungen zu

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