Jahrgang 
12 (1868)
Seite
182
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der Rheinprovinz erhoben hatten und an denen Schurz Theil genommen, wurden ſehr bald unterdrückt. In ſeiner Heimath blieb für ihn nichts mehr zu thun übrig, und da er überdies von den Behörden verfolgt wurde, ſo begab er ſich zu der Armee, welche ſich in Baden zur Vertheidigung der Reichsverfaſſung ge⸗ bilvet hatte; er trat in dieſelbe ein und wurde als Adjutant Tiebe mann's, eines der Hauptanführer der Revolutionsaumee, verwendet⸗ Gleichzeitig war auch Kinkel, und zwar als gemeiner Soldat, in dieſe eingetreten. Der Ausgang dieſes Feldzugs iſt bekannt. Die Aufſtändiſchen, denen es an allen weſentlichen Erforderniſſen, ins beſondere an einer einheitlichen Leitung, an geſchulten und diseipli nirten Soldaten, an Waſſen, Munition und Proviant gebrach, unterlagen dem gewaltigen Stoße der preußiſchen Trupßen. Kinkel fiel in die Hände der Letzteren, wurde kriegsrechtlich zum Tode werurtheilt und zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt, während Schurz, welcher die bedeutendſten Gefechte mitgemacht hatte, ſich unter vem Reſte der Aufſtändiſchen befand, der ſich, um einen letsten Widerſtand zu verſuchen, in die Feſtung Raſtatt geworfen halte. Die Beſatzung war jedoch, nachdem die preußiſchen Truppen vie Feſtung vollſtändig eingeſchloſſen, genöthigt, zu capituliren. Die Preußen beſetzten die Stadt,und Schurz entging der Gefangennahme nur durch die Flucht, die er unter unſäglichen Mühſeligkeiten und der höchſten Lebensgeſahr durch einen Abzugscanal und durch nächt liches Ueberſetzen über den Rhein bewerlſtelligte. Die einzelnen, höchſt intereſſanten Abenteuer dieſer Flucht zu berichten, würde zu weit führen, wenngleich dieſelben dazu beitragen, den Mulh, die Standhaftigkeit und Geiſtesgegenwart Schurzs in der Stunde der Gefahr zu bekunden. Er entkam glücklich nach Frankreich,

ging von da nach der Schweiz und nahm ſeinen Aufenthalt in Zürich, wo er in größter Zurückgezogenheit, nur mit Studien beſchäftiggt, lebte.

Das unglückliche Schickſal ſeines inzwiſchen zum Zuchthauſe verurtheilten Freundes Kinkel veranlaßte Schurz, ſelbſt Flüchtling, vem das Damollesſchwert über dem Haupte hing, ſeinen ſichern Aufenthalt zu verlaſſen und ſich nach Köln zu begeben, um den

Verſuch zu einer Befreiung des Gefaugenen zu unternehmen. Er lhat dies in Verkleidungen und unter falſchem Namen, beſuchte ſeine Eltern in Bomn nd hatte dort eine Unterredung mit Johanna Kinlel, der Gattin Gottfried Kinkel's. Am 9. Juli 1850, zu welcher Zeit in in Bonn ſtudirte, erhielt ich eine anonyme Einladung von der mir wohlbelannten Hand Schurz's zu einem Beſuche in Köln. Ich folgte dieſer ſelbſtredend unverzüglich und hatte die Freude, den geliebten Jugendfreund wiederzuſehen und zu umarmen. Ich. fand ihn in der Dachlammer eines Hauſes im belebteſten Theile der Stadt, wo er, unter einem Hauſen von Büchern begraben, ſchreibend am Tiſche ſaß.

Uleber die Gefühle, welche mich bei dieſem Wiederſehen be⸗ wegten, will ich ſchweigen. Schurz ſelbſt war in der heiterſten Simmung, und als ich ihm meine Beſorgniß darüber ausdrückte, daß er ſich durch ſeine Anweſenheit an einem Orte, wo ſeine Perſon gekannt ſei, der höchſten Gefahr der Entdeckung und ſomit einem ſichern Verderben ausſetze, erwiderte er lächelnd:Ich folge mur meinem Pflichtgefühl. Auf mein ferneres Befragen, was deun der Gegenſtand ſeiner eifrigen Studien ſei, ſagte er:Kriegs wiſſenſchaften, man lann das vielleicht noch einmal gebrauchen. Und in der That hat ſich ihm auch in ſeinem ſpätern Leben noch die Gelegenheit dargebolen, die auf dieſem Gebiete erworbenen Kennt miſſe praltiſch zu verwerthen.

Seinen Plan, Kinkel zu beſreien; konnte Schurz in Köln nicht zur Ausführung bringen. Er begab ſich deshalb nach Berlin, um von hier aus für dieſen Zweck thätig zu ſein, nachdem Kinkel in das Zuchthaus zu Spandau verſetzt wuorden war. Die Vor bereitungen zur Ausführung des Befreiungsplanes nahmen mehrere Monate in Anſpruch und das kühne Werk gelaug endlich am 6. November 1850.

Ich enthalte mich eines Eingehens auf die näheren Umſtände dieſes Ereigniſſes, da die Gartenlaube bereits in dem Jahrgange von 1863 eine ausführliche Beſchreibung deſſelben von Möoritz Wiggers gebracht hat. Dieſe heroiſche That aufopſernder Freund ſchaft, die Kühnheit und Entſchloſſenheit, mit welcher Schurz ſie ausgeführt, rief die Theilnahme Aller hervor, welchen das Schickſal Kinkel's am Herzen lag, und brachten den Namen des Exſteren in Jedermanns Mund, und wenn dieſer, wie oft der Fall, ſpäter in öſſentlichen Blättern genannt wurde, ſo geſchah es ſtets mit dem

ſtereotypen Zuſatze:Der Befreier Kinkel's. Es gebührt ihm der Ruhm, der Welt einen Dichter und Gelehrten, welcher zu den Beſten zählt, wiedergegeben zu haben.

Schurz floh mit Kinkel über Roſtock nach England, begab ſich von da auf einige Monate nach Paris und nahm ſodann. ſeinen Aufenthalt in London. Hier lernte er ſeine jetzige Gattin, Margarethe Meyer, die Tochter eines reichen Hamburger Kauf mannes, eine durch Schönheit und geiſtige Begabung ausgezeichnete junge Dame, kennen und vermählte ſich mit ihr im Juli 1852, alſo in einem Aller von dreiundzwanzig Jahren. Sie hat ihn zum glücklichſten Gatten gemacht und iſt ihren Kindern die treueſte, liebevollſte Mutter geworden.

England war indeſſen nicht der Boden, welcher Schurz ein geeignetes Feld für ſeine Thätigkeit darbot, und er ſiedelte des halb mit ſeiner jungen Gattin nach den Vereinigten Staaten. über, woſelbſt er im September deſſelben Jahres ankam und drei Jahre zurückgezogen lebte. Er benutzte dieſe Zeit, ſich mit der englichſten Sprache vertraut zu machen und wurde ihrer bald ſo ſehr Herr, daß er ſie mit derſelben Geläufigkeit wie ſeine Mutter ſprache zu behandeln wußte. Von compelenter Seite wird ſogar behauptet, daß er der Sprache ſeiner neuen Heimath in höherem Maße mächtig ſei, als ſelbſt manche eingeborene Amerikaner. Dieſer Umſtand kam ihm ſehr zu ſtatten, als im Jahre 1856 die Agita tion gegen die Selaverei eine allgemeinere wurde und ſich ihm dadurch die Gelegenheit eröffnete, mit der ganzen Kraft ſeiner Beredſamteit auf die öffentliche Stimmung einzuwirken. Von hier ab beginnt ſeine eigentliche politiſche Laufbahn.

Als zwei Jahre ſpäter ein berühmt gewordener Wahlkampf zwiſchen Lincoln und Douglas ſtaltfand, machten ſeine Wahlreden gegen die Seclaverei ungemeines Aufſehen, verſchafften ihm einen nationalen Ruf und eine Popularität, wie ſich kein Anderer einer ſolchen im Gebiete der Union rühmen konnte. Eine perſönliche Bekanutſchaft, die ſich zwiſchen ihm und Abraham Lincoln gebildet halte, gedieh bald zur engſten Freundſchaft, und dies Verhältniß hat ſich ungetrübt erhalten bis zum Tode des Letzteren. Als Lincoln im Jahre 1860 als Candidat für die Präſidentſchaft auf geſtellt wurde, nahm Schurz den energiſchſten Antheil an dem Wahlkampfe, und die Erwählung Lincoln's zum Präſidenten iſt nach dem übereinſtimmenden Urtheil Aller, welche von der zu jener Zeit dort herrſchenden Stimmung Kenntniß haben, zum großen Theile mit ſeinen Bemühungen zuzuſchreiben. Welches Verdienſt er ſich dadurch um ſein neues Vaterland, um die Sache der Menſchenwürde und Civiliſation eérworben, bedarf keiner Ausführung.

Nachdem Lincoln die oberſte Leitung der Staatsgeſchäfte übernommen, übertrug er Schurz den Geſandtſchaftspoſten am ſpaniſchen Hofe zu Madrid, den dieſer im Juli darauf an trat. Obwohl dieſe Stellung eine höchſt ehreuvolle und be⸗ deutende war, ſo beſriedigte ſie doch Schurz nicht, weil ſie ſeinem: Thätigleitstriebe zu wenig Beſchäftigung darbot. Außerdem ertrug es auch ſein Ehrgefühl nicht, daß er in behaglicher Ruhe in Spanien ſitzen ſollte, während auf dem Boden ſeines Landes der Krieg für eine Sache, welcher er mit ganzer Seele ergeben war, wüthete und ſeine Freunde Blut und Leben für dieſelbe in die Schanze ſchlugen. Es trieb ihn um ſo mehr, an dem Kampfe Theil zu nehmen, als derſelbe bekauntlich anfangs keine günſtige Wendung für die Union nahm und deren Exiſtenz ſogar zeitweiſe in Frage geſtellt war. Schurz ſuchte daher bei Lincoln um ſeine Abberufung nach.

Letzterer glaubte jedoch dieſer Bitte nicht entſprechen zu dürfen, weil er Schurz's diplomatiſche Befähigung und die Dienſte, welche er dem Intereſſe der Union als Geſandter geleiſtet, zu hoch an ſchlug, als daß er dieſes wichtige Amt anderen Händen hätte anvertrauen mögen. Gleichwohl bewilligte ex Schurz einen längeren Urlaub, um ihm wenigſtens die zeitweilige Anweſenheit in der be⸗ drängten neuen Heimath zu ermöglichen. Schurz machte von dem ſelben Gebrauch und kam, ſeinen Weg über Deutſchland nehmend und den vaterländiſchen Boden, welchen er als Flüchtling verlaſſen, als Geſandter einer großen Nation wieder berührend, am 31. Jannar 1862 in Amerika an, wo er ſofort ſein ganzes Be⸗ ſtreben darauf richtete, die Regierung zu bewegen, dem Kriege eine entſchiedene Richtung gegen die Selaverei zu geben. Er war einer der Erſten, welche für eine allgemeine Emancipationspolitik auftraten, und hielt eine glänzende Rede in dieſem Sinne, die

ihren Eindruck auf die ganze Nation nicht verſehlle. Seil 6 6