Jahrgang 
11 (1868)
Seite
174
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bei Berchtesgaden, und es mag denen, die zur Nacht nach Bar⸗ tholomä hinüberfahren, wohl ſchreckenvoll zu Muthe ſein, wenn es ſtöhnt und kracht und der himmelhohe Watzmann ſeine Schatten über das blanke Eisfeld wirft. Wir mir erzählt ward, iſt auch einſt Roß und Wagen hier verſunken, als ſie des Abends von einem Feſtſchmaus heimkehrten, und nur wie durch Wunder ſind der Knecht und die Frauen gerettet worden. Auch am Chiemſee iſt Einer entronnen, der meilenlang zwiſchen Tod und Leben ging. Im März, als der See mit Schnee bedeckt und das Eis darunter ſchon ſo mürbe war, daß Niemand mehr es zu betreten wagte, ging ein italieniſcher Bilderhändler, der keine Ahnung von einem See hatte, ſchnurgerad auf die Fraueninſel los und trug Gepäck von mehr als einem Centner mit ſich. Drüben ſahen ſie ihn kommen und riefen ihm zu, daß er unter brechendem Eiſe ſei. Es mag wohl ein Henkersgang geweſen ſein, bis er die Inſel erreichte!

Was hätte wohl die Tante geſeufzt, wenn ſie mich bei der Bergpartie auf die Bodenſpitze geſehen hätte, bei ſechs Fuß Schnee und ſechszehn Grad Kälte! Welcher Unſinn!...

Diesmal war's blauer Himmel und wir ſtiegen an der Weſtſeite empor, wo der Berg ſo ſteil und felſig iſt, daß kein Schnee ſich halten kann. Der kommt erſt auf der zweiten Etage, auf der Beletage, wo man ddie ſchöne Ausſicht hat, wo im Sommer der grüne Sammetteppich liegt, ſtatt nackter ſteinerner Staffeln. Blendend hell lag die Mittagſonne über den weißen Matten, todtenſtill lag die Welt im Thal darunter. Ein Jäger geleitete mich, ſonſt war kein menſchliches Weſen ſichtbar; nur die langen tiefgetretenen Spuren des Wildes ſah man im Schnee, wo das Füchslein vorbeihuſcht und das ſcheue Birkhuhn flattert. Auch für das Ohr iſt es eine grauenhafte Oede. Wenn das Rollen der Steine aufhört, wird es athemlos ſtille. Der Berggeiſt ſchläft. Durch die hundertjährigen Tannen aber fährt der Wind mit kurzen Stößen, und das ſind die Athemzüge des Schlafenden die koloſſalen Stoßſeufzer der Natur. Andächtig entzückt demüthig ſtand ich in dieſem winterlichen Tannenwald und horchte. Wie gebleichtes Greiſenhaar hing das lange fahle Waldhaar von den Aeſten, und die Aeſte ſtöhnten und ſtreckten ſich im Winterſchlaf. Wenn dann der Wind vorüberfuhr, dann wurden alle Töne wach vom feinſten Flötenklang bis zum wilden Poſau⸗ nenſtoß. Jeder Stamm iſt ein Glied in der Rieſenorgel der Natur, und die Muſik, die aus ihr erſchallt, iſt das ewige Lied vom Werden und Vergehen. Die Tiefe der Jahrhunderte liegt in dieſem Geſang es iſt dieneunte Symphonie des Waldes.

Droben auf der Spitze machte der Wind die Honneurs und nahm mir Hut und Mantel ab, ehe ich mich's nur verſah. Hier oben ſieht man hinunter auf drei Seegebiete, vor Allem auf den Tegernſee, den ein leiſes Nebelgrau umſchleierte. Blau und luſtig lachte der Schlierſee herüber, aber der Spitzing lag unten wie ein öder melancholiſcher Gedanke.

Mir war als blickten mich drei Freunde mit verſchiedenem Blicke an, und das berühmte Gedicht des Mirza Schafſy von den

Augen ging mir durch die Seele:

Ein graues Auge

Ein ſchlaues Auge,

Des Auges Bläue

Bedeutet Treue,

Aber des ſchwarzen Aug's Gefunkel Das iſt, wie Gottes Wege, dunkel.

Der ganze ungeheuere Bergkeſſel lag da wie ein verſchneites Grab, und die Almhütten ſchauten kaum mit den Dächern hervor. Kein Juhſchrei ſcholl; kein Läuten tönte. Im Sommer iſt da unten luſtiges Leben, wenn die Matten rings um den ſchwarzen Bergſee grünen und die Alpenglocken ſo lieblich klingen. In dieſen Tagen entfeſſeln ſich dann die ganzen Wunder der Berges⸗ pracht, da liegt die Juniſchwüle mit ihrem blauen ſummenden Zauber auf dieſen Wäldern, da ſchaut der Hirſch in die Mondnacht hinauf, und Jäger und Wildſchütz ſchleichen auf heimlichen ver⸗ ſchlungenen Pfaden. Luſtig flackert vom kleinen Alpenheerd das Heimgartfeuer und der tönende Jodler verhallt in blauen Fernen. Iſt dies daſſelbe Land? Jetzt giebt es nur zwei Farben in der Natur, das tiefe Schwarz der Wälder und das blendend weiße Schneefeld; die ganze Scala der Nuancen, die milden reichen Stufen des Grünen fehlen. Die Landſchaft hat etwas peinlich Schroffes, ſie tritt uns entgegen wie ein Menſch, deſſen Weſen immer zu den Extremen greift, dem die feingemiſchten wohlthuenden Mitteltöne fehlen.

Unter uns ſauſte ein Rudel Gemſen vorüber, die unſer An⸗ blick in die Flucht geſchlagen. Aber die Flucht war ſo disciplinirt, ſo ſtrategiſch geſchickt, daß ſie mancher Compagnie zum Vorbild dienen dürfte.

Früh kamen die tiefen blauen Schatten des Nachmittags und bis an den Hüften im Schnee kletterten wir den Grat ent⸗ lang, um auf der höchſten Spitze die Feierſtunde zu erleben, wo der Tag zum Abend wird, wo die Nacht geheimnißvoll herauf⸗ ſteigt. Dieſe Secunden ſind die zarteſten im Menſchenleben, wie im Leben der Natur. Immer ſchwärzer ward der Spitzingſee, das ſchwarze Auge, immer enger zog ſich das roſenfarbene trüge⸗ riſche Strahlennetz um die Häupter der Berge. Nur noch die oberſten Gipfel glühten, ſie flehten mit brennender Stirn um den Tag, um das Leben! Dann verzogen ſich ihre Züge auch die Berge haben ein Antlitz und dies Antlitz erbleichte. Nie hab' ich die Nacht ſo kommen ſehen ich hielt den Athem an wie vor einem Sterbebette. Ein Raubvogel ſchwebte gewaltig durch die Dämmerung; fernhin tönte dumpf das Echo eines Schuſſes aus dem Thale. Durch den verſchneiten Berghang ſtiegen wir hinab über Stämme und Felsblöcke, über Schnee⸗ und Eiswüſten. Hinter den Rieſenzinken der Rothen Wand aber klimmte der Mond empor, und der funkelte mit ſeinem grünen Lichte und blitzte ſo verführeriſch, als wollt' er ſagen: Was iſt aller Tag vor meiner Herrlichkeit! Ein Singen und Summen ſcholl in Felſen und Tannen, daß mir ganz bange ward. Durch jede Mondnacht tönt ein Sirenengeſang. Carl Stieler.

Der Einfluß edler Frauen auf hochbegabte Männer Fhhei zu den wohlthuendſten Erſcheinungen in Literatur und Kunſt, der Geſchichte und im Leben der Gegenwart. Unſere eeſen Dichter, unſere geprieſenſten Künſtler und Weiſen ſtimmen überein in der Anerkennung dieſer heilvollen Wirkſamkeit, die in Goethe's Spruch gipfelt:Das Ewigweibliche zieht uns hina. Ein ſol⸗ ches Emporziehen aus dem ſich ſelbſt genügenden Dahinleben zu ſeinem ſo bedeutenden ſchriftſtelleriſchen Berufe hat auch Ludwig Börne, der berühmte geiſt- und charaktervolle, freiſinnige Publiciſt, erfahren, und wir begehen 8 eine Erinnerungsſeier der Dank⸗ barkeit, wenn wir unſeren Leſern das Bild der Frau vorführen, die mit ihrem Herzen den Geiſt eines Börne zur Thatkraft zu erheben und bis an ſein Ende zu ſtärken und zu erquicken ver⸗ mochte.

Ich lernte Madame Strauß, die Freundin Börne's, im Jahre 1849 kennen. Sie lebte damals ſehr zurückgezogen in Auteuil, jenem als Lieblingsſitz vieler ausgezeichneter Geiſter welt⸗

Die Freundin eines edlen Menſchen. Von Ludwig Kaliſch.

berühmt gewordenen Dorfe am Eingang zum Boulogner Wäldchen bei Paris, und empfing nur einige Freunde und politiſche Ge⸗ ſinnungsgenoſſen. Ich muß geſtehen, daß mein erſter Beſuch bei ihr mich etwas enttäuſchte. Ich hatte mir eine von Geiſt ſpru⸗ delnde Dame vorgeſtellt, deren Unterhaltung wie ein Raketenfeuer praſſeln würde, ich ſah aber nur eine Frau, die im Geſpräch mehr ſich als Andere belehren wollte und die in ihren Bemerkungen eine ſehr warme Empfindung, doch nichts weniger als einen leb⸗ haften Geiſt verrieth. Sie kefragte mich viel über die deutſchen Zuſtände und äußerte dabei, ſie habe eine große Freude empfunden, als ſie in den Blättern geleſen, daß in den Märztagen die in Frankfurt verſammelte Jugend eine Ehrenwache vor Börne's Ge⸗ burtshaus geſtellt. Börne war der Ausgangspunkt, war der Ziel⸗ punkt aller ihrer Geſpräche. Sie bezog Alles auf ihn, ſie leitete Alles von ihm ab. Sie lebte nur in der Erinnerung an ihn, und dieſe Erinnerung ließ ſie das Leben ertragen.

Mein erſter Beſuch bei ihr, der mehrere Stunden ge⸗