Jahrgang 
11 (1868)
Seite
172
Einzelbild herunterladen

öS

und als das Regiſter der Todten und der Lebendiger erſchöpft, als die Wahlen zum Zollparlament erörtert waren, da trat eine tiefe Pauſe ein. Wenn derTarok nicht wäre, dann würden die Berge noch viel einſamer ſein, und manchmal hörte man nichts als das Fallen der Karten und die tiefen Athemzüge derer, denen es ſchmeckte. Ohne Eileging der Engel durch's Zimmer, und wenn ich ein altdeutſcher Maler wäre, dann würd' ich ſeine Geſtalt im Hintergrunde zeichnen, etwa neben jener der liebens⸗ würdigen Wirthin.

Das Leben der Eingebornen, das echte Bauernleben iſt im Winter ein ungeheuer abgeſchloſſenes, zurückgezogenes. Die Arbeit der Frauen liegt im Hauſe und die Männer begeben ſich zu dieſer Zeit in die tiefſte Wildniß der Berge, um das Holz auf Schlitten herauszuſchaffen.

Ohne Zweifel iſt der Schlitten das wichtigſte Fuhrwerk von allen im Gebirge. Nicht nur weil der Winter dort acht und der Sommer blos vier Monate dauert, ſondern weil er ſelbſt im Sommer nie ganz in Urlaub kommt. Von den ſteilen Wieſen⸗ hängen, wo die Mäher faſt lebensgefährlich ſtehen, wird das Heu im Schlitten herabgebracht. Auch der Hirſch, der im ſommerlichen Hochwald erlegt wird, kommt alſo zu Thale, uund die breiten niedrigen Schlitten, die quer mit Tannenäſten bedeckt werden, heißen geradezu Hirſchſchlitten. Im Winter, wo die ungeheuren Schnee⸗ maſſen die Unebenheiten des Terrains ausgleichen, werden die meiſten Theile des Berges dem Transport erſt zugänglich. Tauſende von Klaftern, die nicht das Waſſer unentgeltlich ſpedirt, führt der Schlitten ihrer Beſtimmung entgegen. Bei kleineren Laſten und auf ſteileren Wegen iſt keine Beſpannung möglich. Kutſcher und Pferd beſteht in derſelben Perſon, und zum Einhalten hat man die ſogenanntenSperrtatzen, die ſich wie eiſerne Krallen in den Boden wühlen. Trotzdem kommt durch Ueberſtürzen manches Un⸗ glück vor, und Mancher ward geſchleift oder zerſchnitten von den eiſernen Beſchlägen.

Zum Perſonentransport ſind vor Allem die kleinen ſogenann⸗

tenBeinſchlitten üblich, bei welchen ſtatt der Eiſenbeſchläge

glatte Knochen aufgeſetzt werden. Sie haben ein Sitzbrett in der Höhe von drei Fuß, aber ohne Lehne und werden geritten, indem zwei eiſengeſpitzte Stäbe zugleich die Richtung und die Bewegung geben. Auf dieſenBoanlſchlitten hält diereifere Jugend bisweilen Wettrennen ab, wobei es nicht nur Gewinnſte, ſondern auch Verluſte von großen Zehen und kleinen Fingern und anderen nützlichen Dingen giebt. Denn der Boanlſchlitten wirft gerade ſo gut ab, fällt ebenſo ſchön in die Grube und geht gerade ſo leicht durch, wie das koſtbarſte engliſche Rennpferd. Auch die bausbackigen oberbairiſchen Jockeys ſind auf ihre Virtuoſität genau ſo ſtolz, wie der athemloſe ausgehungerte Lenker des Gladiateur.

Dieſer Corſo der Boanlſchlitten iſt eine Hauptunterhaltung an jenen einſamen Winterſtätten, wo die RubrikVergnügen noch nicht beſteht, wo es keineöffentlichen Luſtbarkeiten giebt und manche Ortſchaften wenigſtens in Bezug auf das Amuſement ganz der Selbſtverwaltung überlaſſen ſind.

Bei Weitem maleriſcher, und vielleicht darum ſeltener, ſind indeß die niedrigen Schlitten, die aber nur an manchen ober⸗ bairiſchen Seen gebraucht werden und die der Fahrende aufrecht leitet ſtatt rittlings zu ſitzen. Sie ſind meiſt von beſchränkterem Umfang, höchſtens für ein Paar gebaut, und wenn dies ein zärtliches Paar iſt, ſo wird es wohl ſehr mit ſolcher Bauart einverſtanden ſein.

Auch das Schlittenrecht, welches bekanntlich in einer Natural⸗ leiſtung(in einem Kuß) beſteht, kommt im Gebirge fleißig zur Anwendung und Wehnt ſich ohne Zweifel auch auf dieſe niedrigſte Form des Schlittens aus.

Ganz beſonders iſt dieſelbe(die Form, nicht die Natural⸗ leiſtung) auf dem Staffelſee zu Hauſe und reicht ſelbſt nach Oſten bis auf den Chiemſee herüber. An den Seen, die tiefer in den Bergen liegen, beim Tegernſee, Königs⸗ und Achenſee, iſt ſie viel ſeltener.

Das iſt nun freilich ein friſches pittoreskes Bild, wenn, wie dies unſer Bild darſtellt, die elaſtiſche Geſtalt des verwegenen Burſchen ſich aufrichtet und über ſeinen Schützling beugt, wenn die ſcharfe Luft pfeift und der Mantel im Winde faattert, der blaue Mantel, den ſchon der Vater getragen hat! Das iſt faſt eine Lnftfahrt und keine Eisfahrt mehr, ſo kühn iſt hier die Stellung, ſo frei die Bewegung!

Manneslang ſind die beiden Dirigentenſtäbe, und Gott ſei gnädig, wenn das Fuhrwerk aus dem Tact kommt!

Luſtige Zurufe tönen hier und dort, wo der Schlitten vor⸗ überſauſt, und das Dirndl denkt ſich wohl manchmal:Mit Einem, der's ſo kann, werd' ich ſicher gut fahren. Aber ducken muß man ſich!

Nur ausnahmsweiſe frieren die oberbaieriſchen Seen ſchon um Dreikönig zu, wie heuer, das Entſtehen des Eiſes iſt aber ſtets ein gewaltiger Vorgang, ein revolutionäres Ereigniß, ein Staats⸗ ſtreich in der Natur. Die Decke bildet ſich bei Nacht, und wer drinnen in ſeinem Bette liegt, der hört ein Ringen und Stöhnen, ein Toben und Heulen, als ob draußen einer gefeſſelt würde. Am Morgen liegt dann der helle feſte Spiegel vor unſeren Blicken. Die Gegend bekommt dadurch ſo etwas Zuſammengewachſenes, ein ſo ſtrammes Gepräge, als ob die Berge förmlich hinein⸗ gefroren wären in den See.

Ehe man das Eis zu betreten wagt, wird eine Gaſſe in demſelben ausgehauen, in der die Schiffe von einem Ufer zum andern fortgeſchoben werden. Dann wandert der erſte Leichtfuß über die ſchwankende Decke, aber manches Opfer liegt zwiſchen ihm und den vierſpännigen Wagen, die zuletzt den mauerdicken Weg betreten. Von den Martertafeln, deren tragikomiſche In⸗ ſchriften die Verunglückten beſingen, gelten ſechszig Procent den⸗ jenigen, die im Eiſe zu Grunde gingen. Auf einer derſelben ſteht folgender Nekrolog:

Ich, Johann Koch bin im Schlitten gekommen, Hat das Eiß mich mitgenommen,

Mein ſterblicher Leib iſt erfroren im Eiß, Meine Seell verbreunt im Fegfener heiß.

Hl. Maria, Bitt für uns!

Nach ſeiner Geſammtanlage paßt auch der echte eigentliche Gebirgsländer nicht auf's Eis. Im Geröll der Felſen, da klammern ſich eiſerne Muskeln feſt, da giebt die maſſive elaſtiſche Geſtalt ihm Sicherheit, aber für den glatten bodenloſen Boden des Eiſes paßt die Art ſeines Ganges nicht. Darum iſt auch die Species Schlittſchuhläufer im Hochgebirge wenig verbreitet, und nur die Honoratioren und das Zünglein der Cultur haben hier etwas nachgeholfen. Auch das Eisſchießen iſt mehr ein Ver⸗ gnügen der Honoratioren und des Bürgerſtandes, als der eigent⸗ lichen Bauern. Die Gehöfte derſelben liegen meiſt weit ab vom See, und dann hat der Bauer einen Zug von ariſtokratiſcher Ab⸗ geſchloſſenheit.Mein Haus iſt meine Burg heißt es auch hier, und er kommt nur herunter zum Herrgott oder zum Bier. Andere Formen des geſelligen Bedürfniſſes als die Kirche und das Wirths⸗ haus ſind noch ziemlich unentwickelt und andere Formen des Vergnügens als das dolce far niente noch ziemlich unbeliebt. Der Gegenſatz zwiſchen der ſtrengen Arbeit und dem ſtrengſten Nichtsthun iſt noch nicht wie bei den Städtern durch die wuchernde Fülle der Paſſionen, der Liebhabereien, des Dilettantismus aus⸗ gefüllt. Die einzige Jagd macht eine Ausnahme; im Uebrigen kann der Bauer nichts als arbeiten und faulenzen, aber Beides

auch recht. Dieſe Entwickelung, dieſe Extreme von Knechtſchaft und Souveränetät ſind das nothwendige Reſultat ſeiner jahr⸗

hundertlangen Leidensgeſchichte.

Am Sonntag iſt der Bauer ein Herr. Da rüſten ſich die Schlitten zur Kirchfahrt und es mag ihm die Andacht wohl leichter werden, wenn er auch ſein Mädel aufſitzen läßt. Das Wort: Ihr ſollt den Herren ſuchen iſt auf dem Lande von jeher ſo verſtanden worden, daß die Bewohner des linken Ufers auf das rechte in die Kirche gehen und umgekehrt, und ſo fliegen denn die Schlitten von allen Himmelsrichtungen aneinander vorüber. Da heißt es ſicher regieren mit der kühnen Stange, denn wenn zwei ſolcher Weltkörper aus der Bahn gerathen und zuſammenſtoßen, dann giebt es blutige Meteore.

Ganz beſonders gefährlich ſind die kleinen offenen Stellen, da wo ſich am Seegrund Quellen finden, die manKelchbrunnen heißt und die durch die Bewegung das Gefrieren hindern. Wehe Jedem, dem die Sonne oder der tiefe Nebel dies blendende Grab verdeckt, er ſtürzt mit Sturmeseile in einen unermeßlichen Abgrund. So ſind die Kirchenglocken Manchem zum Grabgeläut geworden.

Die meiſten Unglücksfälle ereignen ſich indeſſen auf dem Chiemſee, wo anch der Brauch der Kirchfahrt am ſtärkſten in Uebung ſteht. Grauenvoller noch ſind die Tiefen des Königsſees

7