Jahrgang 
11 (1868)
Seite
170
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ſo nennen ſie es nicht ſo. voll Kieler Sprotten und lobte ſie ihm ſehr. Er verſprach auch wirklich, ſie zu verſuchen, aber nach langer Zeit fand ich, daß er keine einzige angerührt und ſie alle hatte verderben laſſen. Ge⸗ räucherten Lachs röſten ſie vor dem Feuer. Unglaublich, aber leider

wahr! Spickhäringe werden nur geröſtet gegeſſen! Spickaale rühren ) g geg 9

ſie nicht an. Rohen Schinken weſtphäliſchen Schinken halten Manche für Bärenſchinken, wie er in einigen Schulbüchern aufge⸗ führt wird, geräucherte Schlackwurſt Spickganswelch ein Gräuel, das Alles ungekocht zu eſſen; die Deutſchen ſind doch rechte Barbaren! Die Anſchovis in Oel, die in hermetiſch verſchloſſenen Blechbüchſen herüber kommen, haben ſich dagegen eingebürgert, als wären ſie gekocht, was Viele zur Beruhigung ihres Gewiſſens glauben.

Ein Bekannter von mir und ein werther Freund und Genoſſe dieſes Exils verſüßte ſich daſſelbe und heirathete eine Engländerin.

Sie iſt ohne alle Vorurtheile, verlangt nicht einmal, daß ich mit ihr in die Kirche gehen ſoll.

So? Ißt ſie denn auch geräucherte Delicateſſen?

Natürlich!

Aber er irrte ſich. Als ich ihm einen Spickaal aus Hamburg mitbrachte, erſchrak ſie vor dem Gedanken, daß er genießbar ſein ſollte, und er mußte ihn allein verzehren. So lange ich das Ver⸗ gnügen gehabt, mit ihr gelegentlich zu Tiſche zu ſein, hat ſie nichts Geräuchertes angerührt, das nicht vorher geröſtet geweſen wäre oder wovon wir nicht gewiſſenloſer Weiſe verſichert hätten, es ſei vor dem Räuchern gekocht worden, zum Beiſpiel von der Braun⸗ ſchweiger Wurſt.

Einmal traf mich ein engliſcher Freund vor einem Teller ſaurer Milch. Ich bot ihm auch einen an.Verdorbene Milch? Pfui! rief er aus, und er iſt ſonſt ein artiger und freiſinniger junger Mann, ein Diſſenter von den Diſſenters, wie der brave John Bright. Man ſollte denken, es wäre doch Einer zu ver führen, einmal geräucherten Lachs oder weſtphäliſchen Schinken zu koſten; aber nein! Sie ſind darin, wie die Juden, es iſt ihnen buchſtäblich ein Gräuel. Und nun vollends die Froſchkeulen! Die Franzoſen gelten für halbe Cannibalen, daß ſie ſie eſſen. Die gräulichen Froſchfreſſer, die Franzoſen! ſagen die Engländer. Die Franzoſen ſind ſo boshaft, ihnen nachzuſagen, die meiſten Froſchkeulen in Paris würden von Engländern verzehrt, aber zu Hauſe leugneten ſie es. friſche Auſtern eſſen, die doch ſicherlich nicht gekocht aus der See kommen. Ebenſo muß man ſich wundern, wie ſie alle die Häringe unterbringen, die an ihren Küſten gefangen werden, da ſie durch⸗ aus keine geſalzenen Häringe eſſen, ſondern ſie erſt alle anräuchern, nachdem ſie geſalzen ſind, und dann röſten. Dagegen eſſen ſie be⸗ kanntlich rohen Sellerie, und die lang aufgeſchoſſenen zarten Salat blätter tunken ſie oft nur in Salz. England verpflanzt, in einigen Jahren ſich als ſolchen Blätterſalat naturaliſiren; auch der Sellerie wächſt üppiger in dieſem feuchten Klima. Seacale, Seekohl, iſt mir nur hier vorgekommen; er ißt ſich wie Spargel und wird meiſt ohne unmittelbaren Zulaß der Sonnenſtrahlen gezogen. Den Spargel läßt man grün auf⸗ ſchießen; doch findet man ihn auch wie bei uns gezogen und geſtochen.

Der Engländer ißt ſehr regelmäßig, er macht ſich mehr zum Sclaven der Uhr, als wir. Seine Tiſchſitten ſind abweichend. Die Tiſchgenoſſen finden verſchiedene Schüſſeln vor ſich, von denen aus ſie ſich gegenſeitig vorſchneiden oder vorlegen; Jeder findet ein Salzfaß neben ſich; Port und Sherry werden herumgeſchoben. Bei großen Geſellſchaften treten Kellner und Bediente ebenſo auf, wie bei uns. Man ißt mit dex Linken und führt nur die Gabel zum Munde; das Meſſer an die Lippen zu bringen, iſt barbariſch. Fiſch iſt mit Brod in der Linken und der Gabel in der. Rechten zu eſſen. Der Pfeffer iſt in einer Streubüchſe, es wird ſogar Cayennepfeffer genommen; jedes Salzfaß hat ſeinen Löffel; eigene Buttermeſſer, eigene Brodmeſſer, hölzerne Brodteller; jede Weinart hat eigene Gläſer, es giebt alſo Portgläſer, Sherrygläſer, Claret⸗ gläſer, Hockgläſer(Gläſer für Rheinwein), Champagnergläſer; natürlich auch eigene geſchliffene Flaſchen, Decanters, zu jeder Weinart. Unbegreiflich iſt es mir bis jetzt geblieben, wie man nach dem Champagner Porter trinken kann, der ſchäumend in ver goldeten Bechern herumgegeben und nicht verſchmäht wird. Es gehört überhaupt eine heroiſche Anſtrengung dazu, ſo etwas wie

Ich ſchenkte einem Freunde eine Büchſe

Man muß ſich nur wundern, daß ſie

Unſer Kopfſalat ſoll, nach

Porter zu trinken, aber die Sitte ſetzt es durch, gerade wie das noch viel unbegreiflichere Tabakrauchen, welches, beiläufig geſagt, hier noch ſehr unter dem Druck der Damen liegt, die denGe⸗

ſtank, wie ſie ſich fanatiſch ausdrücken, in den Wohnzimmern durch⸗ aus nicht dulden.

Wenn man unter das engliſche Volk kommt, iſt man höchſt angenehm überraſcht von den vielen eigenthümlichen Charakteren, und, ihnen gegenüber, von einem unerſchöpflichen Humor und Witz, der, vornehmlich in Volksverſammlungen, meiſtens ſehr ſchlagend zum Vorſchein kommt. Als Edwin James, der be⸗ rühmte Advocat, ſich für den Londoner Diſtrict Marylebone ins Parlament wählen ließ, ſagte er:Ich kann in Euer Viertel ziehen, ich bin unverheirathet.O, Du alter Sünder! unterbrach ihn einer von den Wählern. Mit dieſem Humor angliſiren ſie ſogleich das Fremde und wenden Einheimiſches in Witzworte um. So heißt der Corſo des Königs in Hydepark, Route du Roi, jetzt Rotten row, faule Allee, und die Buffetiers des Königs Beefeaters(Rindfleiſcheſſer), der Omnibus iſt der Bus und ſein Kutſcher der Bustreiber. D. D., Doctor of Divinity, d. h. der Theologie, lieſt das Volk gottloſer Weiſe Double Donkey, Doppeleſel.

Faſt alle Thiere werden bei menſchlichen Vornamen genannt, wie Tom Cat, Thoms der Kater, Billy goat, Wilm der Bock ꝛc. Ganz merkwürdig iſt die Titulatur mit bloßen Buchſtaben. So heißt M. P. Member of Parliament; man ſagt aber auch wirk⸗ lich: er iſt M. P., D. D., L. D., Doctor Juris, M. D., Doctor der Medicin, indem man nur die Buchſtaben ausſpricht. Ueber Sir Loin und Baron of beef haben wir ſchon geſprochen. Hoch⸗ heimer und nach ihm alle Rheinweine ſind Hock, Xeres und dar⸗ nach alle ſpaniſchen Weißweine ſind Sherry, Oporto und aller iberiſche Rothwein iſt Port. Porter heißt the heavenly wet, das himmliſche Naß; Old mild, nämlich Ale, alt und milde, iſt Grany die Großmutter); Old and bitter(Ale), alt und bitter iſt mother- in-law(Schwiegermutter); Old Tom, alter Kater, iſt eine gute Art Genèvre, der davon ſo gut geworden ſein ſoll, daß zufällig ein alter Kater hineingefallen.

Das unmäßige Trinken iſt in den höheren Ständen nicht mehr ſo arg, als früher, wo ſolche Ausdrücke entſtanden, als: he is a seven bottle man, he is only a four bottle man er kann ſieben, er kann nur vier Flaſchen vertragen). Von dem ſtarken Trinken nach Tiſche ſchreibt ſich die Sitte her, daß die Damen beim Nachtiſch aufſtehen und die Tafel allein verlaſſen, wo ihnen denn der Hausherr die Thür zu öffnen hat. Man öffnet hier nämlich denen, die ſich verabſchieden, die Thür, während man ſie bei uns eher vom Fortgehen zurückzuhalten ſucht. Die höheren Claſſen alſo betrinken ſich jetzt ſeltener, als ſonſt, doch habe ich gehört, daß ein Arzt ſagte:Nicht nach Tiſche, ich will morgen kommen! Was ſagen die deutſchen Aerzte zu dieſer Bequem⸗ lichkeit?

Die niederen Claſſen ſieht man hingegen häufiger durch die Straßen taumeln. Ich fand einmal zwei Arbeiter vor mir, die mir den Bürgerſteig ſperrten und ſich wiederholt herzlich die Hand ſchüttelten ohne loszulaſſen.Gute Nacht! rief der Eine,Gute Nacht! der Andere. Dann begann der Erſte von Neuem, und ſein Freund wiederholte ganz empfindſam den Abſchiedsruf; aber ihre Freundſchaft ließ es nicht zum Scheiden kommen. Cicero hat doch Recht, dachte ich, nur gute Menſchen können innige Freunde ſein. Endlich mochten ſie wohl finden, daß ſie mich denn doch zu lange aufhielten; ſie ließen ſich los und Jeder fiel nach ſeiner Seite vomhimmliſchen Naß überwältigt in das irdiſche und vollte darin umher, bis der unerbittliche allgegenwärtige Schutz⸗ mann ihnen zu einer dunkeln Schlafſtelle auf dem Stroh der Polizeiwache verhalf. Die engliſchen Biere ſind im Grunde alle zu ſtark, und je nach der Ernährung des Trinkers kann ein ge⸗ ringes Maß ſchon berauſchen. Da ſie verhältnißmäßig viel zu theuer ſind(ein Seidel Porter drei, ein Seidel Ale vier, ein Seidel Old mild ſogar ſechs Silbergroſchen), wenn man ſie nicht im Faſſe kauft, ſo iſt es höchſt wahrſcheinlich, daß alle Fälle von Angetrunkenheit mit viel geringerer Schoppenzahl bewirkt werden, als bei uns, wo man weniger Trunkenheit auf der Straße ge⸗ wahr wird, als hier.

Gegen die Trunkenheit, aus der ſehr viele Gewaltthaten entſpringen, gefährliche Schlägereien und beſonders Wifekicking and Wifekilling, daß die Ehefrauen mit Füßen getreten und

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