„Ihr Leute im Dorfe hier ſeid ihr wahrſcheinlich alle viel zu ſchlau, und ſie läßt ſich einen aus der Stadt kommen, von dem ſie weiß, daß er ihr nur die Wahrheit über ihre Sachen ſagt.“ Vater Tillmann antwortete hierauf nicht; er war entweder in ſeinen perſönlichen Gefühlen durch das Mißtrauen, oder in ſeinen moraliſchen durch die Unwahrheit gekränkt, welche ſein Gaſt ihm gezeigt, und deshalb ſtand er auf und ließ Mutter Gertrud Naum, den Tiſch zu decken und Friedrich ſein Abendeſſen aufzutragen.
Friedrich aber grübelte über die verwunderliche Behauptung nach, welche ſein Wirth mit ſolcher Beſtimmtheit aufgeſtellt. Die Sache ſelbſt freilich focht ihn nicht ſehr an. Wenn der Bauer Herbot ſelber erzählte, er habe ihm ſeine Tochter verſprochen, ſo konnte er ihn nicht daran hindern, es lag weder eine Beleidigung ſeiner militäriſchen noch ſeiner bürgerlichen Ehre darin; im Gegen⸗ theil, der Herbotbauer war ein angeſehener Mann, ſein Hof war einer der größten in der Bauernſchaft und die Marianne, ſeine einzige Tochter erſter Ehe, war ein hübſches roſiges Kind geweſen, auffallend fein für ſolch' ein Landgewächs... aber gerade darüber gerieth Friedrich in's Grübeln. Er dachte daran, daß er an dem Tage, wo Marianne zur erſten Communion gegangen, ihr in der Kirche gegenüber geſeſſen und daß er ſie damals betrachtet hatte; es dämmerte die Erinnerung in ihm auf, daß er ſich geſagt, ſie ſei die hübſcheſte von all' den weißgekleideten bräutlich geſchmückten Backfiſchen in Kranz und Schleier, und keine ſah ſo zierlich, ſo roſig und ſo ſanft aus wie dieſe ſelbe Marianne vom Herbot⸗ hofe; dieſe Marianne, die jetzt mit Gewalt ſeine Braut ſein ſollte— die ganze Bauernſchaft wollte es ſo, hatte Vater Tillmann ja geſagt.
Friedrich überkam dabei ein ſeltſames Gefühl. Der Ge⸗ danke, ein weibliches Weſen, und wäre es uns auch vorher noch ſo fremd und unbeachtet geblieben, ſein nennen zu dürfen, hat einen eigenthümlichen Reiz und Zauber für einen Mann, es weckt eine Ader der in ſeiner Seele ſchlafenden Zärtlichkeit und ſetzt die Saite des Liebesbedürfniſſes in ſtille, ſanfte und verführeriſche Schwingungen... es iſt immer ſehr gefährlich, ſich mit ſolchen Verſicherungen überfallen zu ſehen, wie die waren, welche Vater Tillmann mit ſo genauer Kenntniß der Thatſachen unſerem Unter⸗ officier von der reitenden Artillerie auf den Kopf zugeſagt hatte.
Und bei Friedrich doppelt. Denn Friedrich war ein eigen⸗ thümlicher Menſch, auch er hatte ſein Liebesbedürfniß, wie alle andern bewaffneten Söhne des Vaterlandes, aber er hatte einen ariſtokratiſchen Geſchmack, und in der Lebensſphäre, in welcher er hätte Eroberungen machen können, war ihm nie ein Weſen auf⸗ geſtoßen, welches genug von den anziehenden Eigenſchaften beſaß, die ſeine wähleriſche Phantaſie von ſeinem Ideale verlangte. Und ſo war Friedrich ganz ſicherlich der einzige Unterofficier in ſeinem Regimente, deſſen Herz noch ſo jungfräulich war wie damals, als er ſein heimathliches Dorf verlaſſen.
Doch waren die Gedanken und Empfindungen, welche ſeiner Wirthe Verſicherungen in ihm erweckt, nicht heftiger und erregender Art. Sie hinderten ihn, als er ſich zur Ruhe begeben, nicht, ſofort in einen geſunden Schlaf zu ſinken; die Geſtalt Mariannens wob ſich nicht einmal in ſeine Traumbilder, falls er deren hatte; und als er am andern Morgen erwachte, hatte er Marianne Herbot vergeſſen. Er wurde erſt an ſie wieder erinnert, als er im Gaſtzimmer von ſeiner Wirthin begrüßt wurde, die ihm ſagte, daß der Peter ſchon in den Wieſen beim Heuen ſei— der Peter ſei immer ſo raſtlos zum Fortkommen, wenn's draußen Arbeit gebe, ſetzte Frau Gertrud hinzu, die es zu den Pflichten einer treuen Lebensgefährtin zu rechnen ſchien, ihres Gatten Thaten, Meinungen und Eigenſchaften mit ihren kritiſchen Randgloſſen zu verſehen.
Als es auf dem Thurm der Dorfkirche zehn Uhr ſchlug, trat Friedrich ſeine Wanderung nach dem Schloſſe Stromeck an. Der Edelhof lag zwanzig Minuten vom Dorfe entfernt, in einem Park, der eine fruchtbare Thalſenkung ausfüllte; eine Allee von alten Eichen führte fünf Minuten lang auf das freundliche, weiße, mit grünen Jalouſien verſehene und mit Balconen geſchmückte Land⸗ haus zu, welches in der ganzen Bauernſchaft nicht anders als „das Schloß“ genannt wurde... der alterthümliche, eine Stunde weit am andern Ende der Bauernſchaft liegende, mit breiten Grä⸗ ben und grauen Thürmen verſehene, ziemlich verfallen ausſchauende Edelhof, von welchem der Hauptmann von Mechtelbeck ſtammte, hieß dagegen„die Burg“.
Einige Tage vor dieſem, an welchem wir Friedrich auf dem Wege zum Schloſſe erblicken, hatte die Beſchließerin auf Haus Stromeck einen Brief ihrer jungen Gebieterin, der Frau von Thor⸗ bach, aus Karlsbad bekommen, worin dieſe ihre Ankunft ihr für einen der folgenden Tage anzeigte und ihr allerlei Aufträge über häusliche Einrichtungen gab. Außerdem enthielt der Brief fol⸗ gende Stelle.
„Und nun noch Eins. Denken Sie ſich, liebes Fräulein
Runde, welche merkwürdige Mittheilung mir Doctor Roſtmeyer in einem Geſchäftsbriefe, den ich eben von ihm erhalte, macht. Er ſchreibt mir: ‚Und da Sie nun nach dem Heimgange Ihres Herrn Vaters in alle ſeine Verhältniſſe und Verpflichtungen eintreten, ſo darf ich Ihnen auch Eines, was Ihnen bisher unbekannt geblie⸗ ben ſein dürfte, nicht verſchweigen. Ihrem Herrn Vater iſt vor Jahren eines ſchönen Morgens ein Findelkind auf die Schwelle gelegt worden. Es iſt das keine angenehme Beſcheerung, und ob⸗ wohl Ihr Herr Vater keinen Augenblick angeſtanden hat, ſeine Chriſtenpflicht an dem armen ausgeſetzten Geſchöpf zu thun, ſo hat er doch ſeines Rufes willen und vielleicht noch aus andern Gründen Sorge getragen, daß die Sache auf's Strengſte geheim gehalten werde. Derſelbe vertraute Diener, der das Kind gefun⸗ den, hat es mir, dem bewährten Rechtsbeiſtand und Geſchäfts⸗ führer Ihres Herrn Vaters, überbracht; ich habe es bei zuver⸗ läſſigen Leuten erziehen laſſen und bisher für ſein Fortkommen geſorgt, die Geldmittel hat Ihr Herr Vater regelmäßig bewilligt, ſo daß die Art Vormundſchaft, die ich geführt habe, von meiner Seite durchaus kein Verdienſt hatte; ich erlaube mir aber anzu⸗ fragen, ob Sie, gnädige Frau, gewillt ſind, auch dieſe Erbſchaft Ihres Herrn Vaters zu übernehmen; ich würde alsdann die Ehre haben, Näheres über Namen, Aufenthalt und bisherige Situation unſeres Findelkindes mitzutheilen.“ „Sie können ſich denken, liebe Runde, wie mich das frappirt Mein Vater hat ein Findelkind angenommen, aber Herrn Doctor Roſtmeyer überlaſſen, dafür zu ſorgen. Das arme Ge⸗ ſchöpf!! Was mag daraus geworden ſein? O, dieſe Männer! Wenn ſie die ‚Geldmittel' hergeben, glauben ſie genug gethan zu haben. Ich denke, meine Verpflichtungen gegen das lunge Mäd⸗ chen nicht ſo leicht zu nehmen. Ich will ſelbſt ſehen, was dar⸗ aus geworden iſt, was man daraus bilden, wie man für ſeine Zukunft ſorgen kann. Ich habe gleich an Roſtmeyer geantwortet, daß ich im Begriff ſtehe, abzureiſen, daß er mir ſofort das Findel⸗ kind zuſenden ſolle, daß ich es in Stromeck bereits vorzufinden hoffe und daß mich die Sache im höchſten Grade intereſſire. Es wird ſich alſo vielleicht noch vor meiner Ankunft mit einigen Zeilen Noſtmeyer's auf Stromeck melden; nehmen Sie es in dieſenk Falle wohl auf und ſorgen dafür, bis ich komme.“
Fräulein Runde, die Beſchließerin, hatte nach dieſer Anweiſung ihrer Gehieterin inſofern verfahren, als ſie für das Findelkind ein Zimmerchen hergerichtet. Aber es war vor ihrer Herrin, die ſchon am vorgeſtrigen Abend eingetroffen, nicht angekommen. Frau von Thorbach hatte gleich danach gefragt und gemeint, der Doctor Roſtmeyer, der bei der Nachricht von ihrer Ankunft ſich bald ein⸗ ſtellen werde, würde es wohl ſelbſt ihr zuführen wollen.
Als Friedrich Haus Stromeck erreicht hatte und über die Stufen einer kleinen Portaltreppe den breiten mit Marmorplatten ausgelegten Flur betrat, in welchem in zwei Flüchten eine blank⸗ gebohnte Treppe in das obere Stockwerk hinaufführte, fand er einen dienſtbaren Geiſt in Geſtalt einer Hausmagd, welche eben beſchäftigt war, mit einem Staubbeſen die Ecken der Treppen tufen ſehr ſorgfältig auszukehren. Friedrich wandte ſich an ſie; er ſagte, daß er von Doctor Roſtmeyer geſandt und mit einigen Zeilen an die gnädige Frau verſehen ſei.
Das Mädchen ſah neugierig die Geſtalt des vor ihr ſtehen⸗ den Unterofficiers an, dann den Kopf hebend rief ſie laut aus:
„Fräulein Runde!“
„Was giebt es?“ erwiderte eine ziemlich ſcharfe Frauen⸗ zimmerſtimme, die durch eine nur angelehnt ſtehende Thür links auf dem erſten Treppenabſatz, welche Friedrich erſt jetzt bemerkte, herabtönte.
„Da iſt Jemand mit einem Briefchen vom Doctor Roſtmeyer an die gnädige Frau. Iſt die gnädige Frau zu ſprechen?“
„Iſt die Perſon da?... ja, mein Gott, ich bin ja beim Ankleiden, führ' ſie nur auf das Zimmer, welches für ſie zurecht
hat.
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