der polniſchen Feldmütze mit dem Federſtutz denken wir, wenn
der müde Wanderer, der zwei Erdtheile mit dem Ruhme ſeiner Thaten erfüllt hatte, eine neue Heimath und die erſehnte Ruhe⸗ ſtätte gefunden. Die Leiche, die nach ſeinem ausdrücklichen Wunſche
in freier Erde ruhen ſollte, wurde auf das Geſuch der polniſchen
Nation und des Kaiſers Alexander nach Krakau gebracht und in der Gruft der alten Könige Polens beigeſetzt. Sein Herz aber blieb in dem Lande zurück, wo es ſich in ſeiner ganzen Größe und Liebenswürdigkeit gezeigt hatte, wo der Feldherr vor dem erhabenen Prieſter der Menſchheit zurücktrat, wo der Kämpe für die höchſten Güter der Menſchheit den Beweis leiſtete, daß er ob der Menſchheit auch den einzelnen Menſchen nicht vergaß. Wenn man von Koſciuszko ſpricht, ſo iſt es immer nur der glühende Patriot, der treffliche Stratege, der löwenkühne Held— der Koſciuszko der Geſchichte. In Solothurn aber lebt ſein Bild in der Erinnerung des Volkes fort wie der ſagenhafte Held einer Legende, wie der gute, Eckard, der Freund der Kinder und der Armen; und nicht an den Mann mit dem kühnen Blick und dem ſchlagfertigen Arm, an den Soldaten mit der Kurtka und wir von unſerm Koſciuszko ſprechen, ſondern an einen alten Herrn im blauen Ueberrock mit einer rothen Nelke im Knopfloch, an einen freundlichen Greiſenkopf mit mildem Lächeln um die Lippen, an den großen Wohlthäter des Landes, der auf ſeinem kleinen ſchwar⸗ zen Pferde unermüdlich die Hütten des Elends und der Armuth als ein Bote des Friedens aufſucht..
Die Erinnerungen an die letzten Lebensjahre des großen Polen, wie ſie theils noch im Munde des Volkes fortleben, theils in Zeitſchriften und Flugblättern ſich zerſtreut vorfinden, zuſammen⸗ zuſtellen, das Bild des hiſtoriſchen Koſciuszko zu vervollſtän⸗ digen und damit ein Erinnerungsblatt zur fünfzigjährigen Feier ſeines Todestages in der Gartenlaube niederzulegen, iſt der Zweck der nachſtehenden Zeilen.
In der blutigen Schlacht von Maciejowice(10. October 1794, dem Pharſalus Polens, war trotz der unerſchütterlichſten Tapfer⸗ keit Koſciuszlo's ungeübte und ſchlecht bewaffnete Schaar von der furchtbaren Uebermacht Suwarow's geſchlagen worden. Mit Wun⸗ den bedeckt, von Blutverluſt erſchöpft, ſank er ſelbſt mit dem Rufe: „Finis Poloniae!“ vom Pferde. In ruſſiſche Gefangenſchaft gerathen, ſollte er auf den Befehl der gereizten Kaiſerin Katharina in dem feſten Schloſſe von Gregor Orloff ſein Leben als ruſſiſcher Staatsgefangener beſchließen. Als aber Kaiſer Paul den ruſſiſchen Thron beſtieg, war ſeine erſte That ein hochherziger Act der Milde. Durchdrungen von ritterlicher Hochachtung für den edlen Feind ſeines Landes, ging er ſelbſt in Begleitung ſeiner älteſten beiden Söhne, der Prinzen Alexander und Conſtantin, in das Ge⸗ fängniß Koſciuszko's und verkündete ihm ſeine Freiheit und die⸗ jenige ſeiner mit ihm gefangenen Freunde.„Je vous remets votre épée, mon général“, fügte er hinzu,„en vous deman- dant votre parole de ne jamais vous en servir contre les Russes.“(Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück, mein General, indem ich Ihr Wort fordere, daß Sie ihn nie wieder gegen die Ruſſen führen wollen.) Zugleich beſchenkte er ihn mit fünfzehn— hundert Bauern und, um ihn unabhängig zu ſtellen, mit einer Geldſumme von zwölftauſend Rubeln.
Sobald er von ſeinen ſchweren Wunden geheilt war, ſegelte der polniſche Feldherr nach Amerika, wo er als amerikaniſcher Brigadegeneral mit großer Ehre empfangen wurde und ſeinen väterlichen Freund Waſhington wiederſah. Eine diplomatiſche Sendung führte ihn bald darauf nach Frankreich, deſſen National⸗ verſammlung ihn ſchon mehrere Jahre früher zum Ehrenbürger dieſes Landes ernannt hatte. Sobald ſeine Geſchäfte in Paris beendet waren, zog er ſich in die Gegend von Fontainebleau zurück, wo er auf dem Schloſſe Berville bei ſeinem treuen Freunde Zelt⸗ ner, Geſandten der ſchweizeriſchen Eidgenoſſenſchaft, ein zurück⸗ gezogenes, den Wiſſenſchaften und der Erziehung der Kinder Zelt⸗ ner's gewidmetes Leben führte. Als aber nach der Völkerſchlacht von Leipzig die Heere der verbündeten Mächte Frankreich über⸗ flutheten und die Wellen des Kriegslärms bis an ſein Tusculum ſchlugen, als ſo manches Andere ſeinen Blick in die Zukunft ver⸗ düſterte, verließ er nach fünfzehnjährigem glücklichen Aufenthalt ſein Adoptivvaterland, reiſte nach der Schweiz und ſchlug ſeinen dauernden Wohnſitz in Solothurn auf.
Kurz vor ſeiner Abreiſe ſollte er noch den Beweis erhalten, daß der Glanz ſeines Namens im Norden noch nicht erbleicht war. Die ruſſiſchen und polniſchen Truppen wütheten in der Umgebung von Fontainebleau mit Mord und Brand. Koſciuszko konnte dieſen Gräueln nicht länger zuſehen, und als er in der Nähe von Berville ſolchen Banden begegnete, die eben ein paar arme Hütten in Brand ſtecken wollten, ſprengte er mitten unter ſie und rief mit lauter Stimme:„Halt, Soldaten! Als ich noch brave Krieger von Polen anführte, war kein Gedanke an Plün⸗ derung, und ſtrenge würde ich Soldaten und noch unnachſichtlicher Officiere geſtraft haben, die ſich ſo benommen hätten!“—„Und wer biſt Du,“ rief man von allen Seiten,„daß Du Dich an⸗ maßeſt, uns das zu bieten?“—„Ich bin Koſciuszko.“— Da warfen Soldaten und Officiere ihre Waffen weg, baten kniefällig um Verzeihung, umfaßten nach Landesſitte ſein Knie und ſtreuten als Zeichen der Reue Staub auf ihr Haupt.— Berrille blieb verſchont, das Schloß erhielt eine Ehrenwache von Koſaken und Kaiſer Alexander verſicherte Koſciuszko in einem Handſchreiben ſeiner Hochachtung und lud ihn zu ſich nach Paris ein.
Solothurn bot ſo Manches dar, was dieſen Aufenthaltsort Koſciuszko lieb und werth machen mußte. Ein filles, ſchmuckes Städtchen in reizender Lage, auf der einen Seite den blauen Jura mit ſeinen Tannenwäldern und ſeinem maleriſchen Höhenprofil, auf der andern in duftiger Ferne die langgeſtreckte Kette der Schweizer⸗Alpen; nach allen Seiten ſchattige Lindenalleen(ſie ſind ſeither vom Boden verſchwunden) und würzige Tannenwälder, hübſcher Wieſengrund und die ſchönſten Ausſichtspunkte für den Freund der Natur. Nirgends war die Poeſie der Landſchaft durch rauchende Schlote oder unmaleriſche Bauwerke raſſelnder Fabriken unterbrochen. Die Stadt ſelbſt zählte nur fünſtauſend Einwohner, aber ſie war Sitz einer Regierung und eines Gymnaſiums, und das ſichert immer einen Kern der Bildung und Gelehrſamkeit. Die Einwohner endlich waren von jeher ein aufgewecktes, lebens⸗ frohes Völklein, das ſich durch entgegenkommende Liebenswürdig⸗ keit gegen Fremde auszeichnete. Mehr als Alles das galt aber Koſciuszko der Umſtand, daß Solothurn die Vaterſtadt ſeines theuren Pariſer Freundes Zeltner war und daß dort ein Bruder deſſelben wohnte, Altſtatthalter X. Zeltner, der nur zu glücklich war, den alten Degen in ſeiner Familie aufzunehmen.
Groß war das Aufſehen, welches die Nachricht von der An⸗ kunft des berühmten Fremden in Solothurn erregte. Die Bürger⸗ ſchaft der Stadt bezeigte ihm ihre Hochachtung durch einen feier⸗ lichen Aufzug des Schützencorps und der Staatsrath ſandte eine eigene Deputation in's Zeltner'ſche Haus, um ihm ſeine Ver⸗ ehrung an den Tag zu legen und ſeine guten Dienſte anzubieten. Koſciuszko lehnte aber mit Beſcheidenheit alle Auszeichnungen ab. In der Familie ſeines neuen Gaſtfreundes hatte er Geiſtes⸗ und Geſinnungsverwandte, einen liebenswürdigen, gebildeten Familien⸗ kreis, Begeiſterung für alles Hohe und die herzlichſte Aufnahme gefunden.
Der hochbetagte Greis, der, durch Wunden und lange Leiden
geſchwächt, der Pflege bedurfte und doch allein auf der Welt ſtand, fühlte ſich unter dieſen guten Menſchen raſch zu Hauſe und der
Entſchluß ſtand feſt, ſeinen Wanderſtab hier niederzulegen. Der biedere Sinn des Hausvaters, das ſtille hausmütterliche Walten von deſſen Gattin und die Geſellſchaft der muntern Kinder waren ihm gleich anziehend; und das einfache, zurückgezogene, auf ſich ſelbſt und wenige Hausfreunde angewieſene Leben der Familie ſtimmte vollkommen mit ſeinen Neigungen überein. Selbſt der einfache bürgerliche Ton und die beſcheidenen Verhältniſſe des Hauſes ſtanden im Einklang mit ſeinen Lebensgewohnheiten. Er hatte nie äußern Glanz und Gepränge geliebt, und wie er auf dem Gipfel ſeiner Lebensſtellung, als Dictator von Polen, als allmächtiger Naczelnik, einfach ſoldatiſch gelebt hatte, ſo nahm er auch jetzt an den einfachen Mahlzeiten der Familie Theil, ſchlief auf einem Feldbette und hielt ſich nur einen alten treuen Diener nind für ſeine Ausflüge in die Umgebung ein kleines Pferd. Sein Leben war regelmäßig, ſeine Zeit ſoldatiſch ſtreng ein⸗ getheilt. Ein Theil derſelben war der eigenen wiſſenſchaftlichen Ausbildung gewidmet und Geographie und Geſchichte ſeine Lieb⸗
lingsſtudien, die ihm ſchon zur Zeit ſeiner Gefangenſchaft auf
Schloß Orloff die Zeit verkürzt hatten. Mehr aber, als für ſich ſelbſt, ſorgte er für die Ausbildung von Emilie Zeltner, der zwölfjährigen Tochter ſeines Freundes. Das ſinnige, reichbegabte


