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Neuland : Roman / von Iwan Turgéniew
Entstehung
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6 größer von Wuchs iſt, als Sie,“ — erwiderte die Ma⸗ ſchurin, welche ſoeben ihr Examen als Geburtshelferin be⸗ 6 ſtanden, und lächelte dabei ſelbſtgefällig. Vor anderthalb Jahren hatte ſie ihre unbemittelte, adelige Familie im ſüdlichen Rußland verlaſſen und war

mit ſechs Rubeln Silber in der Taſche nach Petersburg gekommen; ſie war in eine Entbindungsanſtalt eingetreten und hatte durch unabläſſigen Fleiß das erwünſchte Zeugniß “ erhalten. Sie war Mädchen, und ein ſehr keuſches Mädchen. Kein ſehr wunderbares Ding! wird mancher Skeptiker ſagen, wenn er ſich deſſen erinnert, was über ihr Aeußeres geſagt worden iſt. Es iſt aber dennoch wunderbar und ſelten, erlauben wir uns zu bemerken.

Als Paklin ihre ſchlagfertige Antwort hörte, brach er wieder in Lachen aus.

„Sie ſind ein prächtiges Frauenzimmer, meine Liebe!“ 1 — rief er aus. — „Sie haben mich gut barbirt! Geſchieht mir recht! Warum blieb ich ſolch ein Zwerg? — Aber wo bleibt denn unſer Hausherr?“ F

Paklin hatte nicht ohne Abſicht den Gegenſtand des Geſpräches verändert. Er konnte ſich durchaus nicht mit * ſeinem winzigen Wuchſe, mit ſeinem ganzen unanſehnlichen 6 Figürchen ausſöhnen. Es war ihm dieſes um ſo licher, als er die Frauen leidenſchaftlich verehrte. as hätte er darum gegeben, ihnen gefallen zu können; das Bewußtſein ſeines miſerablen Aeußern nagte noch weit mehr an ihm, als ſeine niedrige Herkunft und ſeine wenig beneidenswerthe Stellung in der Geſellſchaft

Paklins Vater war ein einfacher Kleinbürger geweſen, ein Winkeladvokat, ein Affairiſt, der ſich durch allerlei Lügen bis zum Titulärrath aufgedient hatte. Er ver⸗ 3 waltete Güter und Häuſer und hatte ſich doch Etwas zu⸗ W ſammengeſchlagen; in ſeinem Alter ergab er ſich jedoch dem Trunke und hinterließ bei ſeinem Tode Nichts.

Der junge Paklin — er hieß Sſilas) Samſonitſch — (was er ebenfalls für einen Hohn anſahh), erhielt ſeine Erziehung in der Kommerzſchule, wo er die deutſche Sprache vortrefflich erlernte. Nach verſchiedenen ſchweren Widerwärtigkeiten kam er endlich in einem Privatcomptoir mit 1500 Rubeln Silber jährlichen Gehaltes an. Mit

dieſem Gelde ernährte er ſich, eine kranke Tante und eine verwachſene Schweſter.

Zur Zeit unſerer Erzählung war er eben in ſein

*) Ssila — Kraft.