6
Es lag Feinheit und Verſtand in der Naivetät ihres Blickes, der auf eine Seele hindeutete, die zu gleicher Zeit feſt und ſanft war und eine reizende Vereinigung von Reinheit und weiblicher Ergebung, von Offenheit und Reflexion darbot.
Ein Dichter würde beim bloßen Anblick dieſes Portraits ſich in das reizende Mädchen verliebt haben, wenn nicht das Coſtüm ein Datum gehabt hätte. — Dieſes reizende Mädchen war jetzt ein Weib; fünfzehn oder achtzehn Jahre hatten ſich über die ſammtene Friſche dieſer Wangen hingelegt und vielleicht war dieſe ſo ſtrahlende und volle Stirn jetzt von Falten durch⸗ furcht.
Dem Portrait gegenüber befand ſich, wie geſagt, ein
Bett, deſſen halbgeöffnete Vorhänge das fieberhafte Röcheln eines Kranken durchdringen ließen.
Als ein Windhauch die ermattete Flamme der Lampe plötzlich aufflackern und heller glänzen ließ, bemerkte der Blick im Innern des Alkovens das magere hohle Geſicht eines Mannes. Dieſer Mann ſchlief nicht; aber das Leiden, das auf ihm laſtete, hielt ihn unbeweglich auf dem Lager feſt. Von Zeit zu Zeit öffneten ſich ſeine Augen, die bald brennend und in der Tiefe ihrer Höhle roth waren, bald wieder matt erſtarben, verloſchen unter dem mit Mühe er⸗ hobenen ſchweren Augenlid. Es wäre ſehr ſchwer geweſen, ſeine Züge im Einzelnen zu erkennen, denn außer dem Hin⸗ derniß, welches das Halbdunkel, in dem dieſes zerſtörte Ge⸗ ſicht ſich zeigte, entgegenſtellte, bedeckte ein dichter Bart es faſt gänzlich.
——


