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Feder-Proben : eine Sammlung kleiner Erzählungen und Novellen / von J.W. Lembert
Entstehung
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dieß alles rährte ſie im hohen Grade. Sie fühlte ſich zum erſten Mahle in ihrem Leben einem Man⸗ ne verpflichtet, einem jungen, ſchönen Manne, der ſie wahrhaft, innig liebte, ihr Herz machte ihr Dankbarkeit zum Geſetz, und wie konnte ſie ihm würdiger lohnen, als durch Erwiederung ſeiner Gefühle; aber wo blieben dann ihre Entſchlüſſe, ihre Grundſätze? — Vergebens ſuchte ihr Ver⸗ ſtand ihr Herz, wie bisher, zu beherrſchen die philoſophiſche Ruhe, auf die ſie ſich ſo viel zu gute gethan; war dahin, ſie liebte mit dem ganzen Feuer der erſten Liebe, und wollte es ſich nicht ge⸗ ſtehen! So waren unter harten Kämpfen drey Monathe verfloſſen, ohne daß es ihrem Verſtande gelungen war, das rebelliſche Herz zu bezwingen.

Schon breitete die Racht ihre dunkeln Fittige über die Reſidenz, als Graf L** ſeiner Haft wieder entlaſſen, vor ſeiner Wohnung abſtieg. Er hatte ſeine Strafe gern geduldet, denn er litt ja für die Geliebte und fühlte eine Art von Stolz darin. Das Andenken an ſie gewährte ihm in ſei⸗ ner Einſamkeit reiche Unterhaltung, und gerne würde er ſeine ganze Lebenezeit auf der Feſtung zugebracht haben, hätte nur Julie ſein Gefängniß getheilt. Sein erſter Gang nach ſeiner Zurückkunft war in die Straße, wo Julie wohnte. Er ſah noch Licht in ihrem Zimmer, obgleich Mitternacht