Druckschrift 
Feder-Proben : eine Sammlung kleiner Erzählungen und Novellen / von J.W. Lembert
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Mädchen, daß ihn als einen Wollüſtling verachte⸗ te, ein Mädchen, das er, nun er ſie erkannt, wie ein höheres Weſen verehrte. Dieſer Gedanke war eihm unerträglich. Er wünſchte gut zu machen, ſich zu rechtfertigen vor der Geliebten, ihr eine ande⸗ re Meinung von ſich zu geben. Er ſchrieb einen zwehten Brief an Julie, worin er ihr frey geſtand, wie er dazu gekommen, ſie zu beleidigen, und mit der Bitte um Verzeihung ſchloß.

Er hoffte, ſie würde antworten; und er ſo Gelegenheit finden, ſie mündlich zu überzeugen, daß er ein ſo hartes Urtheil nicht verdiene; allein Julie antwortete nicht, und der Graf war in Ver⸗ zweiflung. — Vergebens ſuchte er Gelegenheit, Julien zu ſprechen, ſie fand ſich nicht. Rur auf der Bühne ſah er die Geliebte, ihr himmliſcher Geſang, ihr herrliches Spiel, drückte den Pfeil immer tie⸗ fer in ſein wundes Herz.

Eines Abends ſaß er im Parterre und lauſchte mit bitterſüßen Empfindungen den Rachtigall-Tö⸗ nen der Angebetheten. Im Zwiſchenakte erhob ſich ein Geſpräch über die gefeyerte Sängerinn unter ſeinen Nachbarn. Man ſprach viel von ihrer Kunſt⸗ fertigkeit, noch mehr von ihrer Schönheit und Sprödigkeit; ein junger reicher Fant zuckte bedeu⸗ tend die Achſeln, und gab, als man ihn um Er⸗ klärung bath, deutlich zu verſtehen, daß er mit der