30
zu ſeinen Vorurtheilen, Euer ganzer Charakter, Eure Gebrechen und Tugenden ſind ein treuer Abdruck unſeres Nationallebens, und Ihr könnt glauben, das ich Euer Feind ſei? Wie wenig kennt Ihr meine größte Schwäche, wenn Ihr noch nicht wißt, daß ich Euch um derſelben Urſachen willen lieben, fürchten und bewachen muß; wenn Ihr nicht glaubt, daß es mir im Herzen weh thue, wenn ich Euch über Leiden und Gefangenſchaft klagen höre; wenn Ihr nicht glaubt, daß ich mehr mich ſelbſt, als Euch überwinden mußte, ſo oft ich dieß Haupt nieder⸗ drücke, auf welches ich ſo gerne die Krone von Caſtilien ſetzen moͤchte; wenn Ihr nicht glaubt, daß Ihr der erſte Sohn meiner Hoffnung und meiner Liebe ſein würdet, wenn Ihr keinen Bruder hättet, der gerechtere Anſprüche auf den Thron hat.“
Und er ſprach die vollſte Wahrheit, der große Mann, der dem heiligen Gedanken der Pflicht ſo ſeine ſüßeſten und innigſten Wünſche vpfern konnte; denn es wäre ge⸗ wiß ſein größtes Glück geweſen, wenn er einen ſpaniſchen König auf Caſtiliens Thron hätte ſehen können, und nicht einen jungen Gentner, einen Zögling der Fläminge, ſeiner bitterſten Gegner. Aber Billigkeit und Recht ſprachen, und ſein Regentenſtab laſtete drückend auf Ferdinand und er legte den Seepter in Karls Hände.
Konnte er, in deſſen Adern ſo warmes Südblut floß, dieß gleichgültig thun? — Er hielt es ſelbſt nicht für nöthig, Gleichgültigkeit zu heucheln, denn ſtolz den Blick zu Adrian erhebend, der mit größtem Erſtaunen dieſen Reden zugehört hatte, ſprach er jetzt:
„Ja, Monſennor von Tortoſa, berichtet dieſe Neuig⸗ keit nach Brüſſel, wenn Ihr nicht ein zu würdiger Mann ſeid, um Spionendienſte zu verrichten. Ich werde mir nie ſo ungleich ſein, daß ich läugnen ſolite, was ich hier aus⸗ geſprochen habe, aber — (und er wandte ſich zu Cecco) — laßt mir Niemand dieſe Worte wiederholen, um ein Vergehen zu beſchönigen, denn ſo wahr, wie ich dieſes Kindes Hand jetzt mit zärtlicher Liebe in der meinen halte,


