Teil eines Werkes 
1. bis. 3. Bändchen (1847)
Entstehung
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hat keine Geduld, weil er kein Vertrauen hat: warum kann er nicht warten, da doch Gottes Langmuth wartet? Das kommt daher, weil Luther ſtolz und rachſüchtig iſt. Luthers Abſicht kann gut geweſen ſein, aber er hat ſich zu rauh ausgedrückt und man hat ihm zu bitter und mit Unrecht widerſprochen. Das verletzte ſeinen Stolz; er wollte Wunde ſür Wunde geben. Sagt mir aber, Ottilie, iſt das chriſtliche Liebe? Die allernothwendigſte Tugend des Chriſtenthums?“

Ottilie, die halb vor Schmerz, halb vor Staunen in ſtummer Aufmerkſamkeit da geſeſſen hatte, ſchüttelte traurig das Haupt. Nie hatte ſie den ſtrengen, ſchweig⸗ ſamen Mann, der nie ſeine Anſichten auch nur im Leiſeſten hätte errathen laſſen und meiſt nur mit kurzen nachdrück⸗ lichen Worten alle derartigen Geſpräche abgeſchnitten hatte, ſo viel und mit ſo viel Feuer ſprechen hören. Das war eine ganz andere Beredſamkeit, als die Pauls; das war die Sprache der Würde, die des Höhern und Weiſern, der weiß daß er blinde Unterwerfung fordern kann, aber der ſich herabläßt, das deutlich zu machen, was er be⸗ fiehlt, das zu erklären, was er verlangt; er hatte im Namen derſelben Sache geſprochen, von der einſt Paul ihr ſprach und ſprechend ſie hinriß und zur Zuſtimmung bewog. Und die Jungfrau war weder genug mit Spitz⸗ findigkeiten bewaffnet, um ſich vertheidigen, noch genug in die Sache eingeweiht, um unterſcheiden und urtheilen zu können. Die Sprache des Vicars hatte, ſo wie die Pauls, eine überwältigende Kraft und der letzte Redner mußte nothwendig bei einem ſo ſehr gedrückten Herzen und Haupt im Vortheile ſtehn.

Das ſcharfe Auge des Vicars bemerkte dieß alsbald und er fuhr fort:

„So that aber Luther. Seine Worte ſind Geißel⸗ hiebe, welche verwunden, aufreißen, beſchämen, erbittern, aber nie verbeſſern werden; ſie rächen ihn nur. Er hat im Feuer ſeines Aergers der Mutter nicht geſchont, weil