159
ſei. Ottilie von Lauerneſſe unſichtbar für den Vicar, den vertrauten Freund ihres hochwürdigen Verwandten! Es iſt wahr, der Bediente war fremd, aber er ſprach ſo kurz ab, daß keine Ausnahme dabei ſtatt finde, daß der Vicar ſich verſichert hielt, daß er wenigſtens nicht unter die noth⸗ wendig gemachten Ausnahmen gehore. Ein gewöhnlicherer Stolz wie der ſeine, wäre dadurch vielleicht gekränkt wor⸗ den, er betrübte ſich nur, denn nun ſah er, daß ſeine Be⸗ fürchtungen Wahrheit waren. Während eines kurzen Be⸗ ſinnens kam plötzlich Donna Tereſia herbei, welche ihn ſprechen gehört hatte und ihm zu Hülfe eilen wollte. Eine ſo günſtige Gelegenheit, ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, hatte die gute Dame ſeit vielen Tagen nicht er⸗ haſchen können. Arnold hatte ſie ſo wild von ſich gewieſen, als ſie ihm ſo viel Wichtiges hatte mittheilen wollen, und war dann in zügelloſer Heftigkeit entflohen. Der Vicar hingegen war ruhig, er würde horchen und er horchte auch zu, obwohl es eine lange Marter für ihn war, der er ſich unterwarf; denn die alte Spanierin ſchenkte ihm nichts; er mußte Alles hören, von dem großen Feſte und ihrer erſten Entdeckung des RKetzers ab bis auf die traurige Ca⸗ taſtrophe von heute; ſie ſchilderte ihm Alles mit den dun⸗ kelſten Farben des Haſſes und der Verläumdung, was ſie mit dem Vergrößerungsglaſe des Aberglaubens und des gereizten Glaubenshaſſes geſehen hatte. — Wie ſehr er auch darauf vorbereitet war, die noch immer nicht gehoffte ſchreckliche Wirklichkeit drückte den braven Geißllichen nieder.
„O mein Gott, mein Gott! Ich erliege unter der Laſt dieſer Schuld,“ rief er mit bitterm Selbſivorwurf.
„O ich bleibe nicht in dieſem unglücklichen Hauſe, welches gewißlich verdammt werden wird um all der Bos⸗ heiten, die man darin übt,“ ſprach Tereſia; „aber mein Enriquez iſt im Dienſte Ottiliens und ſie will ihn nicht entlaſſen, wie ich ſie nicht verlaſſen will und darum bleibe


