Teil eines Werkes 
1. bis. 3. Bändchen (1847)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

54

nen Ausſichten, dann empfangt die meine, die Euch ſeit lange vorbehalten war. Edle Ottilie! Euer Auge hat nicht auf die Höhe geſchaut, Ihr habt gewählt in der Reinheit und Einfalt Eures Herzens; Reinheit und Ein⸗ falt ſind aber ſchöne Tugenden der chriſtlichen Frau, welche ſüße Früchte der Ruhe und des Glückes bringen. Und, Ihr Herren und Edelleute, laſſet nicht Bitterkeit und Haß zwiſchen Euch und dieſen Verlobten herrſchen. Kränket die Waiſe von Lauerneſſe nicht, weil ſie nicht aus Eurer Mitte einen Gemahl wählte. Es hätte doch nur einer von Euch ſein koͤnnen; und würdet Ihr, die Ihr nun Freunde ſeid, einander Feinde geworden ſein, weil die Jungfrau nur eine Hand zu vergeben hat? Werdet Ihr, die man die Erſten des Landes nennt, nicht genug chriſtlichen Sinn haben, um das Gebot: Seid fröhlich mit den Fröhlichen! aufrichtigen Gemüthes zu erfüllen? Kann Jemand unter Euch dieſem würdigen Manne ein bös Herz nachtragen, weil das Gefühl einer Frau für ihn ſpricht? Sollte einer von Euch zögern können, ihm die Hand zu bieten?“

Aber Alle verharrten in ihrem Schweigen. Und an dem Funkeln ihrer Augen und der gezwungenen Ruhe in der Haltung der Meiſten ſah man deutlich, daß es nur die Ehrerbietung vor Pater Balduin war, welche bittere Worte auf ihren Lippen zurückhielt.

„Wenn denn die Gebote des Himmels nicht Kraft genug auf Eure Gemüther haben, um ſie zu Liebe und Wohlwollen zu ſtimmen,“ fuhr der Vicar ſtreng und ernſt fort; „wenn die unſichtbare Macht nicht mehr auf Men⸗ ſchen einwirken kann, die nur ihre ſichtbaren irdiſchen In⸗ tereſſen im Auge haben, dann muß ich Euch im Namen der ſichtbaren Macht Eures Lehnsherrn, des Biſchofes befehlen, daß Ihr den Frieden in ſeinem Gebiet bewah⸗ ret, und im Uebrigen merkt euch das wohl, Ihr könnt ihn beleidigen in dem geachtetſten Bürger ſeiner Stadt und