Und das war keine Vermuthung, es war Wirklich⸗ keit! Der Wahnſinn, der ſchon einmal in dieſem Hirn gewühlt, hatte es ſo zerrüttet und geſchwächt, daß er bei einem zweiten Angriff leichtes Spiel fand. Ein einziger Stoß der Freude oder des Schreckens mußte genügen.
Inzwiſchen hatte die Jungfrau, kämpfend zwiſchen Liebe und Abſcheu, zwiſchen natürlicher Furcht und tief⸗ ſtem Mitleid, zwiſchen ſchneidendem Schmerz über dies neue Ungluck und der Unruhe über den Ausgang der Jam⸗ merſcene, vergebens getrachtet, ſich ſeinen krampfhaft ge⸗ ſchloſſenen Händen zu entringen. Der Kampf war ſo herzzerreißend ſelbſt für den Zuſchauer, daß die Nonne in ihrer Angſt ſich an den Arm des Moͤnchs hing, der ſich mit den Worten: „Das iſt, bei Gott! die Jungfrau von Lauerneſſe!“ ſchnell mit ihr entfernte.
Die Holländer waren inzwiſchen mit ihrem Gefange⸗ nen weggezogen, ohne daß Ottilie es bemerkt hatte. Alles dies war das Werk ſo weniger Augenblicke, daß ſelbſt die Flüchtlinge, die es doch an Schnelligkeit nicht fehlen ließen, noch nicht alle die Weide verlaſſen hatten. Einige von ihnen ſahen im Vorbeieilen Ottilien in der Gewalt des Mannes, der in ſo drohender Haltung gekommen war und klagend jammerten ſie:
„Wehe, die fromme Schweſter von utrecht iſt in der Hand des Glaubensrichters!“
„Das wollen wir doch wiſſen!“ riefen mehrere Jüng⸗ linge von Kuilenburg, die eben kampfluſtig noch einen Strauß mit denen von Geldern wagen wollten und ihrer Gefahr als Lutheraner vergeſſend, den Holländern helfend zur Seite geblieben waren.
„Das darf nicht wahr ſein, ſo Gott uns hilft! Enriquez, und beweiſe Dich als einen guten Ge⸗ ellen!“
Und ſie ſtürzten mit gezogenem Degen auf Arnold los, der ſchwer am Kopfe verwundet niederſank, bevor die Jungfrau den Angriff abwehren konnte.


