dieſer die Zuchtloſigkeit weder für ſich in Anſpruch ge⸗ nommen, noch durch ein Wort geheiligt. Er blieb ja bis zuletzt im Kloſter und predigte mit det ganzen Kraft ſei⸗ nes Wortes und Beiſpiels häusliche Zucht und Ordnung und Unterwerfung an die Obrigkeit.
Eine Nonne aber, welche noch nicht den Schleier abgelegt, aber aus deren jugendlichen Zügen nur Kummer und Dürftigkeit ſchauen, wich ſo weit als möglich von ihrer Geſellſchaft in die Nähe einer für uns intereſſanten Gruppe. Ihre ganze Haltung, ihr geſenktes Auge zeugen von mehr als jungfräulicher Schüchternheit, von dem ſcheuen Weſen der Welt entfremdeten, die ſich plotzlich wieder der Welt blosgeſtellt ſieht, des im Käfig erzogenen Vogels, welchen man in die freie Luft hinausſtößt und der weder die Flügel zu ſchwingen, noch das gewohnte Futter zu finden weiß.
Den Mittelpunkt der Gruppe, zu der ſie geflohen, bildete eine ernſte Frau; ihre Kleidung gleicht der der übrigen Bürgerfrauen, nur umhüllt eine dunkle Faille Geſicht und Schultern ſo ganz und gar, daß man ver⸗ ſucht ſein könnte, ſie für eine geiſtliche Schweſter zu hal⸗ ten, welche den Schleier noch nicht abgelegt. Verſchiedene andre Frauen umgaben ſie, zu ihrer Linken ſitzt ein jun⸗ ger Mann, den wir kennen: Es iſt Paul, der wohl für den Augenblick genugſam hergeſtellt war, um nicht mehr zu den Kranken gerechnet zu werden, aber der doch dem Auge des ſchärfer Beobachtenden als ein Sterbender er⸗ ſcheinen mußte, als ein langſam dahin Sterbender, deſſen Todesſtunde man nicht berechnen kann, von dem man im Sommer fürchtet, daß er den Winter nicht erleben, im Winter, daß er den Lenz nicht mehr ſchauen werde. Sein tiefblaues Auge, aus dem ein ſanfter Glanz leuchtete, war
meiſt zum Himmel gerichtet und zwar mit einem ſehnen⸗ den ſchmachtenden Blick, der lauter als alle Worte ſagte, was er von da hoffte. Er hielt die Hände gefalten und ſchien wenig auf die Predigt zu horchen, welche ſo gar


