10
auf Gottes Erbarmung und ohne Sorge für ſeine Seligkeit. Dieß Alles hatte mich ergriffen. Wie, ſprach ich in mir ſelbſt, der Sünder, der mit ſeinen Händen und mit ſeiner Seele der Miſſethat gepflegt, dem kein einziger Tag gebeſſerten Lebens mehr vergönnt iſt, ſtirbt ohne Furcht, nur geſtützt auf ſeine Reue und auf ſeinen Glauben, und mir, der ich noch in der Blüthe der Jugend ſtehe, mir ſollte nichts als
Furcht vor der Verdammniß übrig bleiben? Sollte ich
denn nicht auch zum Vater gehen können und zu ihm ſagen: „Herr, ich glaube, hilf meineim Unglauben!“ Der Gedanke kam mir von Gott. Und es war mir, als rufe
Jemand mir zu: Bete mit Andacht! Und ich warf mich
vor dem Altar in meiner Kapelle nieder, ich betete lange und viel, ganz, wie mein Herz es mir eingab. Dann überdachte ich meinen ganzen Lebenslauf, mein Verweilen in Utrecht, die Lehren meines frommen Lehrers Rhodius, Alles, was er mir von Luther und deſſen Schriften ge⸗ ſagt und darüber ſchlief ich ein. Und im Traume war mir's, als läge ich ſchon gefeſſelt in einer tiefen Höhle, wo um mich Nacht war, und überall, über, unter, hinter mir, zu meinen Seiten hörte ich Zähneknirſchen und den Schrei der Verzweiflung, wie wenn ich unter Gemarter⸗ ten und Verdammten geweſen wäre und geguält von un⸗ beſchreiblicher Angſt und mit übermenſchlicher Anſtrengung hob ich die ſchwergefeſſelten Arme zum Himmel und frug:
Was muß ich thun, um ſelig zu werden? Und ein herr⸗
licher Glanz reinen, ſilbernen Lichtes drang plötzlich durch
die Finſterniß und ich ſah den geſegneten Luther, der eine
Bibel in der Hand hielt, und die Bande meiner Arme fielen ab und ich ſtand auf und las in Gottes Wort die
Stelle, welche er mir vorhielt — und wenn es auch ein
Traum war und das Geſicht verſchwand, gleich nachdem ich geleſen, ſo werde ich doch weder der Worte, noch des
Geſichtes je vergeſſen, denn es waren die ſeligen Worte
Pauli, welche dem Sünder ſo viel Muth geben: Wir
denn, die durch den Glauben gerechtfertigt ſind, haben


