Druckschrift 
Kleine Erzählungen / von Caroline Stille ; mit einem Vorworte von Therese Huber
Entstehung
Einzelbild herunterladen

260

Angſt am Bette der Mutter gekniet, ſo ſank ſie jetzt unwillkuͤhrlich mit Freudenthraͤnen zu den Fuͤßen ih⸗ res Retters nieder. — „Liebes, gutes Kind, ſteh' auf!“ ſprach er geruͤhrt. „Was knieſt du vor mir? Hab' ich dir denn die Mutter erhalten? Hat nicht ganz ein Anderer mich ſo unvermuthet in dies Haus zuruͤckgefuͤhrt? nicht ganz ein Anderer es ſo gefügt, daß eben ich dir nothdurftig Huͤlfe leiſten konnte? — Mir biſt du gar keinen Dank ſchuldig. Erhole dich nur jetzt; ich hoſfe, d ie größte Gefahr iſt voruͤber!“ Wol noch eine Stunde verweilte er am Lager

der Kranken; doch da ihr Zuſtand ſich immer mehr

beſſerte, kehrte er dann in ſein Stuͤbchen zuruͤck, nur noch beſtimmt von Marien fordernd, daß ſie ihn bei der kleinſten Verſchlimmerung ſogleich rufe.

Allein Marie rief nicht; denn als noch ein Weilchen vergangen war, ſchlummerte die Mutter ſanft ein, und — auf einem Fußbaͤnkchen neben dem Bette ſitzend, das Haupt gegen die harte Lehne ge⸗

ſttzt — nun auch das ermuͤdete Maädchen. Dann

kum fruh am Morgen auch der Vater nach Haus, mit Schrecken dernehmend, wie nahe daran er gewe⸗ ſen ſey, ſeine treue Anna nicht mehr unter den Le⸗ benden zu finden. Nun hatte Malie ſhin eine Stuͤtze mehr, und wuͤrde jetzt gewiß nut in dringen⸗

7 ⁵ 1