Druckschrift 
Kleine Erzählungen / von Caroline Stille ; mit einem Vorworte von Therese Huber
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

Tage; kein Thraͤnchen hatte die klare Helle des glän⸗ zenden Auges getruͤbt. Reinold bemerkte es mit Freude, und es lockte ihn, ſie nun halb ſcherzend zu fragen: ob denn das Leid von geſtern jetzt auch wirk⸗ lich ganz vergeſſen ſey, und das traurige Liedlein dazu?

„Ach, lieber Herr, ſpott' er nicht!“ erwiederte ſie, mit der gutmuͤthigſten Freundlichkeit zu ihm auf⸗ blickend. „Ich hatte geſtern einen weiten Weg ge⸗ macht, in Sorgen um die Mutter; denn ſie war recht krank, als ich wegging. Als ich nun zuruͤckkam, und mir's immer baͤnger zu Muth ward, dacht' ich endlich: muͤßt' ich ſie verlieren, ſo waͤr's am Beſten, ſie truͤgen mich nur gleich mit ihr zur Ruh'; und daruͤber fiel mir das traurige Liedchen ein, das ich manchmal von unſerer Pfarrfrau ſingen gehoͤrt. Aber heut' iſt die Mutter beſſer, und nun iſt mir auch wieder beſſer, und faſt könnt' ich ein froͤhliches Lied ſingen. — Es waͤre mir auch das Rechte,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe lebhaft hinzu, „wenn ich jetzt muthlos betruͤbt ſeyn wollte, da mich die Mutter ſo nöthig hat. Iſt's wol nicht viel, was ein helles Auge leichter machen kann, und ein mun⸗ teres, freundliches Wort, nun ſo iſt's doch etwas;

6