Druckschrift 
Kleine Erzählungen / von Caroline Stille ; mit einem Vorworte von Therese Huber
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

Sie es nicht Neugier, wenn ich jetzt mit Offenheit frage: durch wen, auf welche Weiſe kam dies Bild in Ihre Haͤnde?“

Marianne zogerte einen Augenblick; dann ant⸗ wortete ſie, doch ein wenig verlegen: „Durch mei⸗ nen Lehrer, den Maler F. Ich male gern, und er glaubte, ein gutes Gemaͤlde wurde mir nutzlich ſeyn bei meinen Uebungen.“ — „Und er waͤhlte gerade ſein eigenes Bild?“ erwiederte Amalie, indem ihr fra⸗ gender Blick ſich ſanſt, doch feſt, auf Mariannens bewegte Zůge richtete. Doch als dieſe nun verwirrt und errothend kein erwiederndes Wort fand, fuͤgte ſie ſogleich hinzu: „Verzeihen Sie mir! es war nicht meine Abſicht, Sie in Verlegenheit zu ſetzen. Ich fuͤhle auch, daß mich nichts berechtigt, in ein Geheim⸗ niß einzudringen, das nur, furchte ich, kein erfreuli⸗ ches iſt. Doch einen Rath bin ich Ihnen ſchul⸗ dig, — denn ich halte es fuͤr Pflicht, Sie vor der Klippe zu warnen, an der einſt mein eigenes Lebens⸗ glůck ſcheiterte, — vertrauen Sie dem Original dieſes Bildes nicht zu viel!“

Sie ſprach dieſe Worte ſo redlich warnend, in ihrem ganzen Weſen lag ſo viel Sanftheit und Güte,

3