15
Brille von der Naſe genommen und über dem Papier zuſammengelegt, und dieſes der Wittwe zurückgegeben hatte, bin ich gezwungen zu berichten, daß der Doktor, nachdem er Mrs. Pendennis Hand eine Minute gehalten, dieſe Lady zu ſich herzog und ſie in allen Ehren küßte, über welchen Gruß Helen natürlich an des Doktors Schulter in Thränen ausbrach, denn ihr Herz war zu voll für jede andere Erwiderung, und der Doktor, über ſeine kühne That ſehr erröthend, führte die Lady mit einer Verbeugung nach dem Sopha, auf den er ſich neben ſie ſetzte, indem er mit leiſer Stimme einige Worte von einem großen Dichter murmelte, welcher beſchreibt, wie er in den Tagen ſeines Glückes „der Wittwe Herz vor Freuden ſingen“ machte.
„Der Brief macht dem Jungen ſehr viel Ehre, ſehr viel Ehre, meine Theure,“ ſagte er, indem er ihn, wie er auf Helen's Knieen lag, pätſchelte, — „und ich glaube, wir haben allen Grund, dafür dankbar — ſehr dankbar zu ſein. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, in welcher Richtung, meine Theure, denn Sie ſind eine gottesfürch⸗ tige Dame: ja, Laura, meine Liebe, Ihre Mutter iſt eine gottesfürchtige Dame. Und Mrs. Pendennis, Ma'am, ich werde ein Exemplar für mich, und ein zweites für den Leſeklub beſtellen.“
Wir dürfen uns verſichert halten, daß die Wittwe und Laura der Poſt, die ihnen ihr Eremplar von Pen's koſtbarer Novelle brachte, entgegen gingen, ſobald das Werk gedruckt war und an das Publifum abgegeben wurde, und daß ſie es einander vorlaſen, und daß ſie es auch für ſich und allein laſen; denn als die Wittwe in ihrem Schlafgewand Morgens ein Uhr mit dem zweiten Bande, den ſie ſo eben beendigt hatte, aus ihrem Zim⸗ mer kam, fand ſie, daß Laura den dritten Band in ihrem Bette gierig verſchlang. Laura ſagte nicht viel von dem Buche, aber Helen ſprach ſich dahin aus, daß es eine glückliche Miſchung von Sheakſpeare, Byron und Walter Scott und daß ſie überzeugt ſei, daß ihr


