Teil eines Werkes 
5. bis 8. Bändchen (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

36

laſſen, das ſich die junge Ladh gerne kämmen ließ, wäh⸗ rend ſie eine ihrer franzöſiſchen Lieblingsnovellen las, ging ſie um ein Uhr zu Bett und ſagte: „Pincott, Du kannſt mich küſſen, gute Nacht. Es wäre mir recht, wenn Du Dein Nähliſſen für den Morgen bereit hiel⸗ teſt;“ und ſo gab ſie ihrer Dienerin gute Nacht, wandte ſich ab und ging zu Bett.

Die Muſe mochte am Morgen, ſo lang ſie wollte, im Bette liegen und machte ſich dieſes Vorrecht zu Nutzen; aber Pincott hatte ſehr früh aufzuſtehen, um ihrer Gebieterin Befehle nachzukommen, hatte am näch⸗ ſten Morgen mit denſelben rothen Augen und demſelben eingefallenen Geſichte zu erſcheinen, welches aus Mangel an Heiterkeit Miß Amory mißfiel und ihre Gebieterin ſo ärgerlich machte, weil die Dienerin darauf beharrte, unwohl und unglücklich zu ſein und auszuſehen. Nicht als ob Blanche je glaubte, daß ſie eine harte Gebieterin ſei. In der That, ſie machte Pincott zuweilen ganz zur Freundin und ſchrieb ſehr hübſche Verſe über das einſame, kleine geplagte Mädchen, deſſen Herz in weiter Ferne ſei. Unſere geliebte Blanche war ein höheres Weſen und erwartete, als ſolches verehrt zu werden. Ich weiß nicht, ob es noch andere Ladies auf dieſer Welt gibt, die ihre Dienerinnen ſo behandeln; aber es iſt möglich, daß es ſolche Leute gibt, und daß die Tyran⸗ nei, welche ſie auf ihre Untergebenen ausüben, und daß die Schmerzen, welche ſie mit ſo ſanfter Stimme und einem ſo hochgebildeten Lächeln bereiten, ſo grau⸗ ſam find, als jene, die der Sklaventreiber mit einem Fluch und der Peitſche zu Theil werden läßt.

Aber Blanche war eine Muſe — ein zartes kleines Geſchöpf, ganz zitternd von Erregbarkeit, deſſen Augen ſich bei der geringſten Gemüthsbewegung mit Thränen füllten; und wer weiß, ob es nicht eben dieſe Zartheit der Gefühle war, die ſie ſo leicht gefrieren ließ. Du erdrückſt einen Schmetterling durch die bloſe Berührung