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Weder ihre Mutter, noch ihr Stiefvater waren Perſo⸗ nen wiſſenſchaftlicher Bildung. Bell's Leben und der Racingcalendar waren die einzige Lektüre des Baronets, und Lady Clavering ſchrieb immer noch wie eine Schü⸗ lerin von dreizehn, und mit einer außerordentlichen Geringſchätzung der Grammatik und Orthographie. Und va Miß Amory ſehr empfindlich fühlte, daß ſie in ihrem Werthe nicht anerkannt wurde und mit Leuten lebte, die ihr an Intelligenz und Unterhaltungsgabe nicht ge⸗ wachſen waren, ſo ließ ſie keine Gelegenheit vorbei, den Gliedern ihres Familienzirkels zu wiſſen zu thun, wie weit ſie unter ihr ſtänden, und war nicht blos eine Märterin, ſondern trug auch Sorge, Jedermann wiſſen zu laſſen, daß ſie es war. Wenn ſie, wie ſie ſagte und dachte, empfindlich litt, dürfen wir uns wundern, daß ein junges Geſchöpf von ſo zarter Empfindſamkeit ein gut Theil weinte und wehklagte? Ohne Mitgefühl iſt das Leben Nichts; und wäre es nicht ein Mangel an Aufrichtigkeit von ihrer Seite geweſen, eine Heiter⸗ keit zu affektiren, die ihr nicht von Herzen ging, oder ſolchen einen Reſpekt zu bezeigen, die hochzuachten ihr ganz unmöglich war? Wenn eine Dichterin nicht ihr Loos zu was auf der Welt iſt ihre Leier ihr nütze?
Blanche ſchlug auf der ihrigen nur die wehmüthig⸗ ſten Akkorde an und ſang Elegien über ihre erſtorbenen Hoffnungen, Klagelieder über die vom Froſt verſengten Blüthenknoſpen jugendlicher Neigung, wie ſie zu ſolch melancholiſchem Schickſal und ſolcher Muſe ſich eigneten.
Ihre wirklichen Mißgeſchicke waren, wie wir bereits ſagten, nicht von Belang; aber ihre Schmerzen lagen wie diejenigen der meiſten von uns in ihrer eigenen Seele — wenn dieſe wehmüthig und habituel unzufrie⸗ den war, was Wunder, wenn ſie weinte. So tröpfelten mes larmes jeden Tag aufs Kommando aus ihren Au⸗ gen. Sie konnte ein endloſes Kontingent von Thränen ſtellen und ihre Fähigkeit wuchs mit der Uebung; denn


