308
zweifle, ob jene Art von Frömmigkeit, die uns in frühe⸗ ſter Jugend von unſerem Frauenvolk eingeprägt wird, und welche darin beſteht, daß wir recht dankbar ſein ſollen, weil es uns beſſer geht, als Andern, auch eine ſehr ver⸗ nünftige religiöſe Uebung iſt).
Und dann fing ſie, wie gewöhnlich, an zu denken, wie ihr Sohn der hübſcheſte, beſte und geſcheidteſte Knabe auf Gottes Erdboden wäre.
„Du wirſt meinen Georgh ſehen,“ war das Beſte, woran Emmy, um Becky zu tröſten, denken konnte.
„Wenn Etwas im Stande iſt,“ ihren Schmerz zu lindern, ſo iſt es das,“ dachte Emmy.
Und ſo fuhren die beiden Frauen fort, eine Stunde, oder darüber, mit einander zu ſprechen, während welcher Zeit Becky Gelegenheit hatte, ihrer neuen Freundin eine vollſtändige Verſion ihrer Privatgeſchichte zu geben. Sie zeigte, wie ihre Heirath mit Rawdon Crawieh von der Familie unaufhoͤrlich mit Gefühlen des äußerſten Haſſes betrachtet worden; wie ihre Schwägerin (ein Weib voller Liſt) ihren Mann gegen ſie eingenommen; wie derſelbe odiöſe Verbindungen angeknüpft, die ihr ihn ganz ent⸗ fremdet; wie ſie aber von dem Weſen, das ſie am Mei⸗ ſten gellebt, Alles ertragen — Alles, Armuth, Vernach⸗ läßigung, Kälte — Alles um ihres Kindes willen; wie ſie endlich durch die flagranteſte Beſchimpfung ſo weit getrieben worden, daß ſie verlangt habe, von ihrem Manne geſchieden zu werden. Da habe der Elende die Frechheit ſo weit getrieben, daß er verlangt, ſie ſolle ihren guten Ruf aufopfern, um ihm durch den Kanal eines biel gel⸗ tenden und mächtigen, aber grundſatzloſen Mannes — des Marquis von Stehne nämlich, zu einer einträglichen Stelle zu verhelfen. Das abſcheuliche Ungeheuer!
Becky legte bei der Erzählung dieſes Theils ihrer an Ereigniſſen ſo reichen Geſchichte die äußerſte weibliche Delicateſſe an den Tag, und ſtellte ſich, als tugendhaftes Weib, ungemein empört.


