54
digt. Die Stimmen waren gezählt und es war ſogar
eine abſolute Majorität da. Eine einzige Dame hatte
mehr Stimmen erhalten als die übrigen aufgeſchrie⸗
benen Damen zuſammen. Und dieſe Dame war — „Sieht mein erlauchter Herr Vetter jetzt die Moral
meiner Judengeſchichte?“ fragte triumphirend die Gräfin
Schleigheim ihren Nachbar.
„Meine verehrte Couſine kennt die Menſchen“ ſagte der Diplomat, aber mit einem ſo wenig diplomatiſchen Ausdruck in Ton und Blick, daß die Gräfin mit guter Selbſtironie ausrufen konnte:
„Die ſchlechten Seiten der Menſchen, wollen Sie ſagen. Aber laſſen Sie uns dem allgemeinen Zuge der giftigen Glückwünſche uns anſchließen.“
Die Auserwählte war in der That die alte häßliche Doppelnichte des Grafen und der Gräfin Haſſenfurt.
Die abſolute Mehrheit der Stimmen für ſie in dieſer hochariſtokratiſchen Verſammlung war genau nach den nämlichen pſychologiſchen Geſetzen gebildet, die jenes Weinfaß der Judengemeinde mit Waſſer gefüllt hatten. Zwei Gedanken beherrſchten Jeden in der Verſamm⸗ lung. Der eine war: Keine andere darf es ſein; der zweite: Der häßlichen Haſſenfurt, die es mit ſo frecher und ungeſchickter Gewalt werden ſollte, wird ſicher Niemand ſeine Stimme geben; ſo kannſt Du ganz ſicher
=


