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6 wir find beide ohne Vermögen,“ ſagte Hil⸗ egarde.
„Ich könnte den Dienſt verlaſſen. Es gibt viele Stellen, die für mich zu erlangen wären. Wir würden arm ſein, ja, ſehr arm, aber was iſt Armuth, wenn — o Hildegarde, iſt dieß der Grund Deiner Kälte gewe⸗ ſen, oder biſt Du — Was für ein Narr ich bin!“ rief er leidenſchaftlich aus. „Sie behandelt mich wie einen Wahnwitzigen, dem ſie entfliehen möchte, um nicht Zeugin eines Parorismus zu werden! Geh, Du haſt mich gefoltert — kaltblütig — ſchrecklich. Geh, ich möchte Dich haſſen, wenn ich könnte!“
Hildegarde begann langſam die Treppe hinaufzu⸗ ſteigen; als ſie am nächſten Abſatz ſtand, bewog ſie ein ungewöhnlicher Laut, hinabzuſehen, und ſie bemerkte, wie ihr Cvufin eine vergebliche Anſtrengung machte, die furchtbare Bewegung, die ſeinen ganzen Körper erſchüt⸗ terte, zu unterdrücken.
Die Thränen eines Mannes ſind eine zu ſeltene Erſcheinung, um nicht davon gerührt zu werden. Hil⸗ degarde blieb ſtehen und hielt ihm die Hand hin.
„Oskar, lieber Osfar, was ich geſagt habe, war gewiß nicht eine Folge von Herzloſigkeit, ſondern ge⸗ ſchah in der Hoffnung, Dich von der abſoluten Unmog⸗ lichkeit zu überzeugen, daß wir einander je etwas mehr, als Verwandte ſein können. Denke an Deine feierliche Verlobung mit Marie — an das Verſprechen, das Du Deinem Vater gegeben. Erinnere Dich, daß keine Stel⸗ lung, die Du je erlangen könnteſt, Dir die Möglichkeit verſchaffen würde, Deine Schulden zu bezahlen!“
„Wahr — ſehr wahr. Ich habe eben geträumt,“ ſagte Raymund mit erzwungener Faſſung. „Es thut mir leid, daß ich Dich ſo lange hier in der Kälte auf⸗ gehalten habe. Geh, Hamilton wartet auf Dich!“
„Nein. Ich werde ihn wahrſcheinlich vor Abend nicht mehr ſehen.“


