139
wenn dieſer Herr es nicht abſolut hätte ſo haben wollen.
Ich ſchrieb ihr deshalb, und bat ſie, alle dieſe Schulden zu bezahlen und ſchmeichelte mir, am Montag früh wieder bei meinem lieben Weibchen zu ſein. Au⸗ guſt nahm den Brief mit und verſprach mir, ihn nach der Kirche in der Bernhardſtraße abzugeben und beſorgt zu ſein, daß Marie nichts von der peinvollen Lage, in welcher ich mich befand, erfahren ſollte. Es war faſt Mitternacht, als wir uns trennten, und ich ſuchte, ſo gut ichs in dem kleinen ſchmutzigen Sophabett in Aminadabs Hinterſtube konnte, zu ſchlafen.
Der andere Morgen war ſchön und heller Sonnen⸗ ſchein. Die Glocken riefen ſo lieblich und feierlich zur Kirche, und ich wäre ſo gerne am Arme meiner lieben Gattin zur Findelhauskirche gewallt. Aber drei Eiſen⸗ thüren trennten mich von der Freiheit, und ich konnte ſtatt deſſen nichts thun, als in meinem Gebetbuche auf meinem Zimmer zu leſen und nachher in dem Hofe hin⸗ ter dem Hauſe auf⸗ und abgehen. Wer ſollte es glau⸗ ben! Selbſt dieſer Hof glich einem Käfige und war mit großen eiſernen Staketen von einem Ende zum andern eingeſchloſſen. Hier durften die eingeſperrten Vögel Aminadabs friſche Luft ſchöpfen.
Sie hatten mich an einem Fenſter der hintern Stube im Gebetbuch leſen ſehen, und als ich nun hin⸗ unter kam, um in jenem Käfig herumzuſpazieren, da brachen alle in ein gellendes Gelächter aus. Einer von ihnen rief „Amen!“ als ich unter ſie trat. Ein ande⸗ rer hieß mich einen Muff — in der Gaunerſprache ſo⸗ viel als: Dummer Hund! — Ein dritter wunderte ſich, daß ich jetzt ſchon das Gebetbuch zur Hand nehme.
„Wann ſoll ich's denn?“ erwiderte ich dem Kame⸗ raden, einem Roßkamm ſeines Zeichens.
„Wann? — wann Sie zum Galgen geführt werden; Sie ſcheinheiliger Menſch, Sie!“ antwortete der ungeſchlachte Kerl. „Aber ſo machen es die Leute


