— 249 —
das Gemalde erkannte, welches er einſt der Gelieb⸗ ten ſeiner Jugend gegeben hatte. Seine ſtrenge Frömmigkeit rechnete ihm die Bewegung ſeiner Seele als Verbrechen an. Er wandte den feuchten Blick von dem Bilde zum Himmel. „Wie kann ich,“ rief er, „dem Grabe ſo nahe, noch ſo ſchwach ſein! Verzeih' es mir, allmächtiger Gott!“
„In meinem jetzigen Zuſtande duͤrfen Sie mich ohne alles Bedenken ſehen,“ ſagte die Marquiſe leiſe. „Fuhlſt Du nicht, daß ich Dich noch liebe?“
„Wie koͤnnte ich dies glauben, da Sie mich vor zehn Jahren, als ich Sie nach Ihrer Ruͤckkehr zum erſten Male ſah, ſo hart behandelten, ſo rauh von ſich ſtießen.“ —
„Verzeih mir dieſe Härte, Victorine! Damals konnte die kleinſte Unbeſonnenheit mir die Achtung und das Anſehen rauben, deſſen ich genoß, und dann — ich geſtehe es — fuͤrchtete ich meine eigene Schwaͤche; ich fuͤhlte nur zu tief, daß ich Dich noch wie ehemals liebte, und die Strenge, die ich gegen Dich zeigte, galt eigentlich nur mir ſelbſt. — Doch Du haſt freilich mein Andenken nicht ſo treu bewahrt!“
„Undankbarer!“ rief die Marquiſe. „Wenn


