— 256 —
Herzen erproben zu muͤſſen, ehe ſie durch die Wie⸗ dervereinigung mit der Geliebten ihr eignes Werk zerſtöre, das ſie im Kampfe mit dem eignen Herzen, dem der Baron und Dalinde wahrhaft theuer waren, erbaut hatte. 2
Waͤhrend Dalinde in ihrer ſchmerzlichen Verlaſ⸗ ſenheit in Leid und Liebe lebte und kämpfte, war Caroline, umgeben von allem Glanze und Schim⸗ mer der Welt, um nichts gluͤcklicher. Der Wonne⸗ rauſch der erſten Flitterwochen war ſchnel verflogen; der Graf war zu flatterhaft und, im Beſitz eignen Reichthums, zu nachläſſig in der Sorge, ſie zu taͤuſchen, als daß ihr ſeine Herzloſigkeit ein Geheim⸗
niß hätte bleiben koͤnnen. Er huldigte bald dieſer,
bald jener Schonheit, und Caroline, zu wenig an Selbſtbeherrſchung gewöhnt, um ihm ihre Verſtim⸗ mung und ihren Unmuth verbergen zu koͤnnen, em⸗ pfand den Schmerz, ihn dadurch vollig von ſich zu entfernen. Ihre Ehe ſtimmte ſich vollig auf den Ton einer Ehe in der großen Welt, wo Mann und Frau ſich haͤufiger außer ihrem Hauſe als in demſelben ſehen. Doch noch immer liebte Caroline den treu⸗ loſen Gatten mit heißer Leidenſchaft und fuͤhlte, ſie könne nur verzeihen, nicht ihm zuͤrnen. Der Schmerz fuͤhrt gute Menſchen zur Selbſterkenntniß, und ſo erwachte auch in Carolinen lebhaft das Bewußtſein, Dalinde gekraͤnkt und ungerecht behandelt zu haben. Wie oft ſehnte ſie ſich nun nach dem treuen, von


