2¹
„Es iſt ſeltſam,“ ſagte er nach einigen Augenblicken, „in dieſen unzuſammenhängenden, wie zufällig geſchriebenen Zeilen iſt jedes Gefühl, iſt jede Erhabenheit verſchwun⸗ den . ſelbſt dem Styl merkt man die unſelige Stimmung an; es iſt, als hätte ſich ein Schleier über dem Geiſt des unglücklichen Kindes ausgebreitet. Der Ueberdruß, den ihm ohne Zweifel die Arbeit verurſachte, offenbart ſich in jeder Zeile .. Doch hier find einige Worte, welche ge⸗ flüſſentlich ausgeſtrichen zu ſein ſcheinen,“ fügte David bei, indem er das, was die Durchſtriche verbargen, zu ent⸗ ziffern ſuchte.
Marie näherte ſich ihrem Gaſt, ſie wollte ihm mit den Kenntniſſen, die ſie von der Handſchrift ihres Sohnes hatte, beiſtehen und neigte ſich, eine Hand auf die Stuhl⸗ lehne von David ſtützend, auf den Tiſch, um die ausge⸗ ſtrichenen Zeilen beſſer zu ſehen. Bei der ſo natürlichen Bewegung fühlte David ſeinen Arm geſtreift von dem reizenden, elaſtiſchen, runden Arm von Madame Baſtien.
Dieſe unwillkührliche Berührung war ſo leicht, ſo augenblicklich, daß es Marie gar nicht gewahr wurde.
David empfand einen plötzlichen, elektriſchen Schauer: doch mit einer großen Selbſtbeherrſchung ausgerüſtet, blieb er unempfindlich, obgleich er zum erſten Mal ſeit der Voll⸗ führung ſeines edelmüthigen Entſchluſſes daran dachte, die Frau, mit der er fortan ein gemeinſchaftliches, vertrautes, einſames Leben führen ſollte, ſei jung, von anbetungs⸗ würdiger Schönheit, ſie vereinige die bewundernswertheſten Tugenden des Herzens, ſie ſei die Jungfrau⸗Mutter, deren Leben voll Muth und Ergebenheit ihm der Doctor Dufour erzählt hatte.
Wenn auch plötzlich, tief und voll von einer gewiſſen Bangigkeit, verrieth ſich dieſer Eindruck doch durchaus nicht bei David, und er fuhr fort mit der uuttß von Marie die ſorgfältig von Frederik durchſtrichenen Worte zu entziffern.
Nach einem geduldigen Studium brachten die junge Frau und ihr Gaſt an verſchiedenen Stellen des Manu⸗


