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„Welche Verſtellung meinen Sie, mein Herr?“
„Um hierherzukommen, mein Fräulein, mußte ich furchtbaren Kummer unterdrücken, denn ich hoffte Sie zu ſehen, und beſonders in Ihnen das fromme, gefühlvolle, edelherzige, reine Mädchen zu finden, das Fräulein Helena für meine Ruhe nur zu ſehr gelobt hatte . . An dieſes junge Mädchen richtete ich meine erſten Worte, die das Gepräge der Traurigkeit an ſich trugen; doch ſie wurden gleich von Anfang an mit Spott, mit Leichtfertigkeit auf⸗ genommen.“
„Was höre ich? welche Sprache?“ ſagte Erneſtine zu ſich ſelbſt, „worauf zielt er ab?“
„Da regte ſich ein gräßlicher Zweifel in meinem Innern,“ fuhr Herr von Macreuſe mit bitterem Lächeln fort. „Ich ſagte mir, mein Fräulein, Sie beſitzen vielleicht die ſeltenen Eigenſchaften, die ich anbetete und die ich bei Ihnen zu finden glaubte, nicht . . . Ich wollte mich Anfangs in eine ſo traurige Entdeckung nicht fügen . . . indem ich Ihre erſten Worte dem leichten Sinn, der Unbe⸗ ſonnenheit Ihres Alters zuſchrieb . . . Aber, ach! der Spott, die Trockenheit des Herzens, die Religionsverach⸗ tung, die Eitelkeit ſchienen mir überall bei Ihrem Geſpräch durchzudringen . . Dann wollte ich mir volles Licht verſchaſſen, und obgleich mein Herz jeden Augenblick blutete, ſtrengte ich mich doch an, mit Ihnen an Unempfindlichkeit gegen Alles, was Mitleid verdient, an Verachtung gegen Alles, was heilig iſt, zu wetteifern. .. Ich ging ſo weit, daß ich mir den Anſchein gab, als verleugnete ich, was mir theurer iſt, als das Leben, meine Religion und das An⸗ denken meiner Mutter, meiner armen Mutter“ .. (Und eine halb zurückgehaltene Thräne glänzte zu geeigneter Zeit in den Augen des Schülers des Abbé Ledour).
„Das war eine Prüfung,“ dachte Erneſtine.
„Ich heuchelte die laſterhafteſten Gefühle, die gott⸗ loſeſten Grundſätze,“ fügte Herr von Macreuſe mit ge⸗ drängter Entrüſtung bei .. . „doch von Ihrer Seite nicht ein Wort des Tadels nicht einmal ein Zeichen des


