247
„Ja. wie ich, ſind Sie Waiſe, wie ich, ſind Sie ohne Unterſtützung, ohne Erfahrung, wer vermöchte Sie über die Fallen, über die Täuſchungen, von denen arme Leute wie wir zuweilen umgeben ſind, aufzuklären? Hören Sie mich alſo an, Erneftine .. und moͤchte ich Ihnen die Schmerzen erſparen, unter denen ich lelde.“
Hienach erzählte Herminie Erneſtine, wie ſie Gerald, mit Recht gegen ihn aufgebracht, weil er ſich das, was ſie ſchuldig war, zu bezahlen erlaubt, Anfangs mit Hoch⸗ muth und Verachtung behandelt, und wie ſie ihm dann, gerührt von dem edlen Gefühl, durch das Gerald zu ſeiner Handlung veranlaßt worden war, vergeben hatte.
Herminie fuhr mit folgenden Worten fort:
„Zwei Tage nachher ging ich, da ich mich der Er⸗ innerungen, welche ſchon zu piel Herrſchaft für meine Ruhe über mich gewannen, entſchlagen wollte, am Abend zu Madame Herbaut; dies geſchah an einem Sonntag; wie groß war mein Erſtaunen, als ich venſelben jungen Mann in der Geſellſchaft traf! Der erſte Eindruck, den ſein An⸗ blick auf mich hervorbrachte, war Kummer, beinahe Furcht. .. ohne Zweifel eine Ahnung; dann gab ich mich unglück⸗ licher Weiſe dem Reiz dieſes neuen Juſammentreffens hin. Nie hatte ich einen Menſchen geſehen, der wie er zugleich ſo einfache, elegante und ausgezeichnete Manieren, und einen ſo glänzenden und heiteren Geiſt beſaß, einen Geiſt, von dem er indeſſen nur mit Beſcheidenheit und dem beſten Geſchmack Gebrauch machte. Ich verabſcheue die Lobes⸗ erhebungen, er wußte es einzurichten, daß ich ſeine Schmeicheleien annahm, ſo viel Zartgefühl und Freund⸗ lichkeit legte er in dieſelben. Ich erfuhr an dieſem Abend, daß er Gerald hieß und daß er. 2.
„Gerald?“ verſetzte lebhaft Erneſtine, denn es ſiel ihr ein, daß der Herzog von Senneterre, einer der Be⸗ werber um ihre Hand auch Gerald hieß.
Doch ein Läuten an der Thüre, das man plötzlich vernahm, erregte die Aufmerkſamkeit von Herminie und


