5 6
in Gegenwart von Tante und Onkel beinahe immer ſchüchtern niedergeſchlagen blieben, ſchienen, wenn ſie von dieſem Zwang befreit waren, durch ihren ſinnigen Blick eine Fülle tiefer Gedanken zu offen⸗ baren.
„Wir wollen Dir gewiß nicht vorwerfen, was wir für Dich gethan haben, liebes Kind,“ ſagte Herr Morand, ein dicker Mann mit jovialem Alltagsge⸗ ſicht, zu Helviſe, „aber Deine Erziehung hat uns ſchwer Geld gekoſtet. . . Deine Unterhaltung (wie⸗ derum ohne Dir Etwas vorzuwerfen) iſt ziemlich koſtſpielig . . . Gib mir einen Teller . . . und heb meine Serviette auf . . . deßhalb würden wir es als ein unverhofftes Glück für Dich und für uns be⸗ trachten, wenn Du Dich verheirathen und dadurch aus unſeren Koſten kommen könnteſt. Denn wenn man mich wahr berichtet hat, ſo würde der bewußte Herr Dich ohne einen Liard Heirathsgut nehmen ... he he he, liebe Nichte,“ fügte Herr Morand mit einem plumpen Lachen hinzu. „Die heirathsluſtigen Herren von dieſem Schlag ſind verdammt rar!. . Und ein Mädchen muß dazu thun, um einen ſo ſchönen Vogel im Flug zu erhaſchen.“
„Helviſe weiß wohl, daß ſie eine alte Jungfer werden muß, wenn keiner ſie um ihrer ſchönen Augen willen heirathet,“ fügte Frau Morans, ein rothes, pausbackiges Melonengeſicht, wie Scarron geſagt haben würde, hinzu. „Mein Mann und ich, wir haben unſer Vermögen in eine lebenslängliche Leib⸗ rente für uns Beide umgewandelt, da wir keine Kin⸗ der haben. Wir machen keine Erſparniſſe; Du kannſt alſo nicht auf unſere Erbſchaft rechnen, liebe Nichte;


