—
28
von romanhafter gegenſeitiger Liebe mit der Hei⸗ rath, und es ſchien ihr unmöglich, daß ihre Mut⸗ ter bei ihrem Alter Herrn Stanislas Liebe ein⸗ flößen könne. Warum wollte er ſie alſo heirathen?
That er es alſo, weil er arm und weil ſie reich war? ⸗ Der Gedanke an dieſe Niederträchtigkeit empörte das junge Madchen dergeſtalt, daß ſie es beinahe nicht wagte ihn feſtzuhalten, ohnehin da ſie keinen Grund hatte Herrn Gabert einer abſcheulichen Be⸗ rechnung fähig zu glauben; und gleichwohl ahnte ſie, daß dieſe Verbindung irgend einen unheilvol⸗ len Keim enthalten müſſe, weil der Gedanke daran in ihr gewaltſame Fragen aufregte, die für ihre kindliche Verehrung peinlich und für die mütterliche Würde verletzend waren. Henriette ließ ſich alſo mehr durch die Eingebung ihres geſunden Verſtan⸗ des als durch eine gründliche Ueberlegung der Dinge zu dem Entſchluß verleiten, ihre Mutter dringend zu bitten, daß ſie Wittwe bleiben möchte, und da ſie nicht auf den morgenden Tag warten wollte, um ihr das Ergebniß ihrer Betrachtungen mitzu⸗ theilen, ſo eilte ſie zu ihr, ſprang ihr an den Hals und rief im Tone lebhafter Zärtlichteit und unwill⸗ kürlicher Beſorgniß:
„Ich bitte Dich um Alles, Mama, heirathe nicht wieder.“
Frau Dumesnil erblaßte, antwortete nichts, brach in Thränen aus und ſchloß die Tochter in ihre Arme.
Damit war geſagt: „Du willſt es? Ich werde Wittwe bleiben.“


