28
und das Häßliche in den Künſten, über das Ideale und den Realismus, wie man ſagt. Sidonie faßte die Frage vortrefflich zuſammen und antwor⸗ tete mit ihrer gewöhnlichen Beſcheidenheit meiner Mutter: „„In Ermangelung der nothwendigen Kennt⸗ niſſe, um mich über einen ſolchen Gegenſtand aus⸗ zuſprechen, ſcheint es mir, Madame, daß nach der einfachen Vernunft die Kunſt, in ihrer edelſten Be⸗ deutung genommen, ſich anſtrengen muß, das Ideale zu erreichen, um die Seele durch die Beſchauung des Schönen zu erheben. Der Realismus oder die ängſt⸗ liche Reproduction der Natur, ſelbſt der häßlichen, ſelbſt der ungeſtalten, iſt nur bei Portraits anwend⸗ bar. Die Häßlichkeit von Sokrates, die Mißſtaltung des Prinzen Eugen ſchlagen in dieſem Falle in das Gebiet der Kunſt ein, weil ſie berufen iſt, getreu für die Nachwelt das Bild dieſer großen Männer wiederzugeben.““
„Sage, Valentine, iſt dieſe Antwort nicht ein Beweis von ausgezeichnetem Verſtand?“
„Ich war auch davon ergriffen; man konnte un⸗ möglich einen äußerſt richtigen Gedanken beſſer aus⸗ drücken... Am andern Tage, als in Deiner Abwe⸗ ſenheit mein Vater uns, Mama und mich, um ſie zu beſichtigen, in die Werkſtätte von Herrn Louis Morel führte, machte uns Sidonie die Honneurs des Hauſes ihres Bruders mit ſo viel Anmuth, mit ſo viel Zuvorkommenheit, mit ſo viel Takt, daß meine Mutter, ſobald wir weggingen, zu mir ſagte: „„Meine liebe Valentine, ich habe vergebens in meinem Gedächt⸗ niß geſucht: ich erinnere mich keiner Perſon, welche Fräulein Morel hinſichtlich des vollkommenen Anſtands


