Druckschrift 
Miss Mary oder Die Erzieherin / von Eugene Sue ; aus dem Französischen von August Zoller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

„Ich hoffe es; doch wir dürfen uns nicht verleug⸗ nen, ihre Erziehung iſt entfernt noch nicht vollendet.“

„So viele Frauen wiſſen weniger als ſie.“ „Gewiß, und beſſer als irgend Jemand haſt Du mir immer bewieſen, theure, gute Loniſe, daß die Er⸗ hahenheit des Charakters und die Güte des Herzens Er⸗ ſatz für Alles gewähren können.“

„Nun alſo 2« verſetzte Frau von Morville.

Dann fügte ſie lächelnd bei:

„Dieſes nun alſo? iſt allerdings ſehr hoffärtig, mein Freund; doch ich wende es auf meine Tochter an, und ich will ſie viel lieber etwas weniger gelehrt ſehen, als die Qual einer albernen, aber ſchmerzlichen Eiferſucht rdulden. Kurz, ſoll ich es Dir ſagen, die Liebe zur

Geſellſchaft, die Du bei mir ermuthigſt, ſtatt ſie zn tadeln. *

„Warum ſollte ich Dich tadeln, liebe Louiſe,“ ſprach liebevoll Herr von Morville, „iſt es nicht natürlich, daß Du einige Zerſtreuung in der Geſellſchaft unſerer Nachbarn ſuchſt? Dein Leben wäre ſonſt ſo einſam, ſo traurig!“

»Dieſes Leben, Du erträgſt es wohl.“

„Ich ertrage es nicht nur, ſondern es ſagt mir ſogar zu; meine Geſundheit iſt nicht ſehr kräftig; ich liebe die Zurückgezogenheit, die Studien, doch ich wäre nicht Barbar genug, um Dich Deiner Vergnügungen zu berauben, weil es andere ſind, als die meinigen.“

„Wahrhaftig, mein Freund, trotz meines Geſchmackes für die Welt, würde ich die Vergnügungen weniger auf⸗ ſuchen, wenn ich meine Tochter mehr für mich hätte; ja, und ſehr oft laſſe ich mich hinreißen, einige Tage länger bei unſern Nachbarn zu bleiben, weil ich mir ſage: Im Ganzen bedarf meine Tochter meiner nicht; hat ſie nicht ihre Erzieherin? und dann wird mein Herz von Eiferſucht zernagt.“

„Höre, Louiſe, konnteſt Du ernſtlich auf unſere letzte Erzieherin, die arme Plle. Lagrange, eiferſüchtig ſein?