187
Denn ſeine Verzweiflung hätte mir ſeine leiden⸗ ſchaftliche Liebe allzu gewaltig gepredigt, als daß ich dieſer Verſuchung widerſtanden wäre.
„Kein Anderer, als ich, begreift die Möglichkeit ei⸗ ner ſo plötzlichen Veränderung,“ fuhr er zu mir gewandt fort. . . . „Das feinſte, furchtbarſte Gift iſt nicht tödt⸗ licher als das Gift einer Verachtung, wenn es bis in die edelſten Gefühle einer Seele eindringt. Das liegt ganz in meiner Natur.. .. Ich ſollte Ihren Irrſinn bemitleiden,“ ſagte er ſchnell ſich aufrichtend... „Ich ſollte zehn Jahre heiliger und großer Liebe nicht wie Spreu in den Wind des Vergeſſens hinwerfen... Aber Menſch bleibt Menſch, im Purpur oder im Bettlerge⸗ wande. .. Ich kann nicht anders. Ich bin in Allem entſchieden, gehe nie die Mittelſtraße, kann nur lieben oder haſſen. .. Sie ſind mir entweder eine Göttin oder ein Jemeines Weib. .. Ich habe Sie auf den Altar meiner Liebe erhoben und Sie angebe⸗ tet.. .. Sie ſteigen freiwillig herab, ſo ſehe ich denn in Ihnen ein gewöhnliches Weib. ... Ich ſchwöre mei⸗ nen Glauben an Sie ab!!!“
Sie ſchwören Ihren Glauben an mich ab, Sie verachten mich, weil ich einer erlaubten Liebe nach⸗ gebe? Was hätten Sie gethan, wenn ich Ihren Bit⸗ ten gefolgt und aus unerlaubter Liebe meiner Pflicht untreu geworden wäre? fragte ich bitter.
Das machte ihn beſtürzt. Nach kurzer Beſinnung rief er mit verbiſſenem Ingrimm aus;
„Ich ſagte Ihnen früher, wenn ich je an Ihnen mich irrte, würde ich auch an mir ſelbſt irre werden. Die Stunde iſt da! .. Ich zweifle an Ihnen, an mir, an Allem. Ja, wehe Ihnen, die alle meine Begriffe von Gut und Böſe verwirrt. Wehe Ihnen, die durch Pflichterfüllung Abſcheu einflößt... Wehe Ihnen, die im Genuſſe einer erlaubten Liebe ſündigt!.. Ja, ja, mehr als das verſchämte Laſter verachte ich Ihre tugendhafte Unverſchämtheit.


