Zweites Kapitel. Rouvray.
Dieſer Brief wirkte entſcheidend.
Die Geldfrage ausgenommen, war der Brief Nichts als eine Wiederholung aller ſeit zwei Jahren zwiſchen uns gewechſelten. Aber die Thränen traten mir in die Augen, als ich die Stelle las, wo ſie von ihrem neuen Leben ſprach, um mich zu überzengen, daß ſie Mutter⸗ ſtelle bei mir zu vertreten würdig ſei. Auch ohne die Nothwendigkeit meiner Reiſe nach Paris, hätte ich das Anerbieten angenommen. Eine abſchlägige Antwort wäre ſehr leicht mißdeutet worden.
Nicht wenig beſtärkte mich in meinem Entſchluſſe die reizende Schilderung jenes traulichen Kreiſes von Perſonen, deren Geiſt und Charakter ich ſtets hatte rühmen hören. Doch je näher der Augenblick des Ab⸗ ſchiedes herankam, um ſo ſchmerzlicher empfand ich die Trennung von dieſem Orte langer Leiden. Wußte ich, was im Schooße der Zukunft verborgen lag?
Die Furcht, meinem Gemahl oder Urſula in Paris zu begegnen, beſtimmte mich mit zu jenem zurückgezo⸗ Leben. Für Herrn von Lanery empfand ich halb
Verachtung, halb Gleichgültigkeit; für meine Coufine einen tiefen Abſcheu. Aber ich war meiner Würde mir hinreichend bewußt, um nicht zu erblaſſen, wenn der Zufall mich mit Beiden zuſammenführte, obgleich ich ihre Unverſchämtheit kannte.
Seit dem Augenblick, wo mein Gemahl mich ver⸗ laſſen hatte, ſah ich mich als geſchieden von ihm an; zwar nicht dem Rechte, doch der That nach. Dieſe, für eine junge Frau höchſt peinliche Lage, und die Ab⸗ neigung, allein in Paris zu leben, hatten meinen Auf⸗ enthalt in Maran verlängert. Der Vorſchlag der Fran
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