Teil eines Werkes 
10. bis 12. Bändchen (1845)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

Ich küßte meine Hände, ich lachte laut über dieſes kindiſche Weſen, und einen Augenblick ſpäter brach ich in Thränen aus. Aber dieſe Thränen waren wohlthuend.

Es war, glaub' ich, zwei oder drei Uhr Morgens.

Es ſchien mir, als fehle es meinem Glücke an Luft, an Raum, als könnte ich nur im Angeſicht des Himmels Gott meinen frommen Dank darbringen.

Ich machte das Fenſter auf. Es war gegen Ende des Herbſtes, die Nacht ſo ſchön und rein, wie der Tag glänzend geweſen. Nicht das kleinſte Geräuſch war hörbar. Allum Dunkel und Geheimniß, das un⸗ ermeßliche Firmament mit Millionen von Sternen be⸗ ſäet. Hinter einem mit dichtem Gehölz bedeckten Hü⸗ gel ging der Mond auf und überſtrömte Alles, Park, Wald, Wieſen und Schloß, mit ſeinem blaſſen Licht.

Plötzlich erhob ſich ein leiſer Wind, verſtärkte ſich und zog wie ein unendlicher Seufzer durch die uft.

Dann wurde wieder Alles ſtill.

Ich erblickte eine Vorbedeutung in dieſem auffal⸗

lenden Flüſtern, welches für einen Augenblick die Stille

unterbrach und dann die Ruhe, die ihm folgte, noch tiefer erſcheinen ließ.

Es dünkte mich, als ſei die letzte Klage meinem Herzen entflohen und als werde⸗mein künftiges Leben glücklich und friedlich dahinfließen.

Zum erſten Mal, ſeitdem ich mich Mutter fühlte, ſeitdem ich doppelt lebte, gedachte ich meiner ver⸗ gangenen Sorgen und hätte erröthen mögen, daß mich ein Leid betrüben konnte, welches mich allein betraf. Indem ich mich dieſes ſo unglücklichen und zu⸗

gleich ſo berauſchenden Abends erinnere, wo die Ge⸗ wißheit, Gontran ſei mir untreu und ich ſei Mutter, über mich kam, erſtaune ich über die tiefe, unausſprech⸗ liche Heiterkeit, welche die brennenden Gefühle ablöste, die gerade noch mich ſo grauſam gepeinigt hatten. Ich konnte nicht mehr daran zweifeln, daß Gon⸗