— —
Zwanzigſtes Kapitel. Die Nebenbuhlerinnen.
Roſe Pompon war mit der ganzen Geſchmackloſigkeit einer gefallſüchtigen Dirne aufgepußt. Ihr roſenrothes Bibi mit ſehr ſchmalem Schirm ſaß ſo weit vorwärts à la chien, daß es faſt bis auf die Spitze ihres Näschens herabreichte und die Hälfte ihres blonden Hinterkopfs ſehen ließ. Ihr ſchotti⸗ ſches Kleid mit ungeheuren Würfeln war von offen. Ihr nicht gerade hermetiſch verſchloſſenes durchſichtiges Buſentuch ſchien mehr beſtimmt die darunter liegenden runden Formen ſehen zu laſſen, als das zu verhüllen, was der unverſchämt weite Halsaus⸗ ſchnitt frei ließ. Beim Herauflaufen hatte ſie die beiden Zipfel ihres großen blauen mit Palmen durchwirktem Shawls gefaßt, währenddie Mitte deſſelben von ihren Schultern auf die Hüften gefallen war. Dieſe unverſchämte Tracht ihrer vermeintlich glücklichen Nebenbuhlerin verdoppelte den ſchmerzlichen Un⸗ willen und die Scham, welche Adriana beim Anblick derſelbeu empfand. Aber man denke ſich erſt die Ueberraſchung und Verwirrung des Fräuleins, als Mamſell Roſe Pompon ihr in leichtem ungezwungenen Ton ſagte: „Madame, ich bin entzückt, Sie hier zu finden. Wir haben mit einander zu plaudern. Ich will nur erſt die arme Mayeux küſſen, wenn Sie es erlauben, Madame.“
Um ſich eine Vorſtellung von dem Ton zu machen, in welchem das Wort Madame ausgeſprochen wurde, muß man Zeuge von mehr oder minder ſtürmiſchen Erörterungen zwiſchen zwei auf einander eiferſüchtigen Roſe Pompons ge⸗
weſen ſein. Dann begreift man auch, welche erefore
Feindſeligkeit in dem bei ſolchen wichtigen Angelegen ausgeſprochenen Wort Madame liegt.
Adriana war ſtarr und ſtumm bei dieſer Frechheit t der Mamſell. Agricola bemerkte dieſe Frechheit nicht, weil ſeine Aufmerkſamkeit ganz auf die ihn unverwandt anſehende Mayeur gerichtet war, und weil ihn die Erinnerung an den ſchreck⸗


