Adriana ſchwieg einige Augenblicke und fragte dann: „Arme Freundin, ſind nicht die bitterſten Schmerzen diejenigen, welche man Niemanden zu geſtehen wagt, aus Furcht vor Spott oder Verachtung? Wie kann man wagen, Theilnahme oder Mit⸗ leid anzuſprechen für Schmerzen, die man ſich ſelber nicht zu geſtehen wagt, weil man ihretwegen vor ſich ſelber erröthet?“
Die Mayeur traute kaum ihren Ohren. Hätte ihre Wohl⸗ thäterin, wie ſie, eine unglückliche Liebe gefühlt, ſo würde ſie keine andere Sprache haben führen können. Aber dies anzu⸗ nehmen, kam ihr unmöglich vor. Sie ſchrieb alſo den Kum⸗ mer des Fräuleins einer andern unbekannten Urſache zu und erwiderte, an ihre unſelige Liebe zu Agricola denkend, in traurigem Ton: „Ja, Fräulein, ein Schmerz, deſſen man ſich ſchämt, muß ſchrecklich ſein!“
„Aber,“ ſagte Adriana, „welches Glück muß es auch ſein, ein Herz zu finden, welches nicht nur edel genug iſt, um Zu⸗ trauen einzuflößen, ſondern welches auch, durch vielfachen Kummer geprüft, fähig iſt, Mitleid, Troſt und Rath zu bie⸗ ten! Sagen Sie mir, liebes Kind, wenn Sie von einem Schmerz niedergedrückt wären, über den man erröthet, wür⸗ den Sie nicht glücklich ſein, eine verſchwiſterte Seele zu ſin⸗ den, in welche Sie ihren Kummer ausſchütten, und bei wel⸗ cher Sie Ihr Herz durch volles, verdientes Vertrauen erleich⸗ tern könnten?“
Zum erſten Mal in ihrem Leben ſah die Mayeur das Fräulein mistrauiſch und unbehaglich an. Aus den letzten Worten Adrianens ſchloß ſie: „Sie kennt gewiß mein Ge⸗ heimniß. Gewiß iſt ihr mein Tagbuch in die Hände gefallen. Sie kennt oder vermuthet meine Liebe zu Agricola. Was ſie mir geſagt hat, bezweckt, von mir Gewißheit zu erhalten ob ſte wohl unterrichtet iſt.“ Dieſe Gedanken waren mit keinem Gefühl der Erbitterung oder des Undanks gegen ihre Wohlthäterin verbunden. Aber das Herz der Unglücklichen hatte eine ſo krankhafte Reizbarkeit in Betreff ihrer unſeli⸗ gen Liebe, daß ſie trotz ihrer zärtlichen Zuneigung zu dem Fräulein den empfindlichſten Schmerz fühlte bei dem Gedan⸗ ken: Sie weiß mein Geheimniß.


