Hals. Sie hielten ſich lange einander umſchlungen. Das feierliche Schweigen ward nur durch das Schluchzen beider Schweſtern unterbrochen. Endlich rief Cephiſe: „O Gott! ſich ſo zu lieben und für immer zu ſcheiden! Es iſt doch hart!“
„Zu ſcheiden?“ wiederholte die Mayeur, während ihr von Thränen bedecktes Geſicht von himmliſcher Hoffnung erglänzte. „Zu ſcheiden? Nein! Was mich ſo ruhig macht, das iſt das deutliche Gefühl einer tiefen Sehnſucht nach einer beſſern Welt, wo ein beſſeres Leben unſerer wartet. Der große, gütige Gott hat nicht gewollt, daß ſeine Geſchöpfe für im⸗ mer unglücklich ſein ſollen. Nur einige eigennützige Men⸗ ſchen verderben ſein Werk und bringen ihre Brüder in Elend und Verzweiflung. Wir wollen ſie bedauern und verlaſſen. Auf denn, Schweſter! dorthin, wo Gott allein regiert und die Menſchen nichts ſind, dort oben befinden wir uns beſſer. Laß uns eilen, denn es iſt ſpät.“
Bei den letzten Worten deutete Mayeur auf die Abendſonne, welche ſich an den Fenſtern abzuſpiegeln begann. Cephiſe ward hingeriſſen durch die Begeiſterung ihrer Schweſter, de⸗ ren Züge, durch die Hoffnung einer baldigen Erlöſung ver⸗ klärt, von der Abendröthe ſanft gefärbt wurden. Sie ergriff ihre beiden Hände, ſah ſie zärtlich an und rief: „Magdalene, wie ſchön biſt Du ſo!“
Mit traurigem Lächeln erwiderte die Mayeux: „Die Schön⸗ heit ſtellt ſich etwas ſpät bei mir ein.“
„Ich meine, Du ſiehſt ſo froh aus, daß meine letzten Be⸗ denklichkeiten deinetwegen ſchwinden.“
„Raſch denn! ſagte die Mayeur, auf die Kohlenpfanne deutend.
„Sei ruhig,“ erwiderte Cephiſe; „es wird nicht lange dauern.“ Und ſie füllte die in einem Winkel ſtehende Pfanne mit Kohlen und trug ſie in die Mitte der Kammer.
Die Mayeur trat hinzu und fragte: „Weißt Du denn auch, wie das gemacht wird?“
„Lieber Gott!“ antwortete Cephiſe, „das iſt gar einfach. Man macht Thür und Fenſter zu und zündet die Kohlen an.“
„Gut. Aber ich meine, ich hätte gehört, man müſſe ſorg⸗ fültig alle Oeffnungen verſtopfen, damit keine Luft zutreten
kann.“ 8


