in dem Tempel des Herrn. Ihr ſagt, es iſt euer Recht, ihr übtet ſchreckliche Gerechtigkeit. Aber warum ſo viele ſtarke Arme, um dieſem Sterbenden den Reſt zu geben? Warum dies Geſchrei, dieſe Wuth, dieſe Gewaltthätigkeit? Wird ſo das Gericht des Volks gehegt, des ſtarken und billigen Volks? Nein. Wenn es, ſeines Rechts gewiß, auf ſeinen Feind ſchlägt, ſo geſchieht es mit der Ruhe des Rich⸗ ters, welcher gewiſſenhaft ſeinen Ausſpruch thut. Nein, das gerechte und ſtarke Volk ſchlägt nicht blind und wüthend zu unter raſendem Geſchrei, als wollte es das Bewußtſein eines abſcheulichen Mordes übertänben. Nein, ſo darf nicht das ſchreckliche Recht geübt werden, welches ihr jetzt üben wollt. Denn ihr wollt es.“
„Ja, wir wollen es!“ riefen der Steinbrecher, die Lange Zwiebel und mehre der Hartherzigſten, während eine große Zahl ſtumm blieb; betroffen von den Worten Gabriels, der ihnen lebhaft die Abſcheulichkeit ihres Beginnens geſchildert hatte.
„Ja!“ wiederholte der Steinbrecher; „es iſt unſer Recht; wir wollen den Vergifter todtſchlagen.“ Und mit blitzenden Angen und glühendem Geſicht ging er an der Spitze eines entſchloſſenen Trupps vor und ſtreckte den Arm aus, als wollte er den Miſſionär bei Seite ſchieben. Gabriel ging ihm zwei Schritt entgegen, faßte ſeinen Arm und ſagte mit feſter Stimme: „Kommt!“ Und er zog den Erſtaunten mit ſich fort, während die Uebrigen wie betäubt ſtehen blieben. Mit ſchnellen Schritten führte er ihn an das Gitter, öffnete die Thür, führte ihn zu dem am Boden liegenden Abbé und ſagte „Hier iſt das Opfer. Es iſt verurtheilt. Schlagt darauf!“
„Ich?“ ſagte der Steinbrecher zögernd, — — ich? — — allein?“
„Es iſt keine Gefahr dabei,“ bemerkte Gabriel bitter. „Ihr könnt ihm leicht den Reſt geben. Seht, er iſt durch ſein Leiden ſo weit gebracht, daß kaum noch ein Funke von Leben in ihm iſt. Er wird ſich nicht wehren. Fürchtet nichts!“
Der Steinbrecher blieb regungslos ſtehen, während der Haufen, auf welchen dieſer Auftritt einen ſonderbaren Ein⸗
druck machte, ſich dem Gitter näherte, ohne zu wagen, dar⸗
über hinaus zu gehen.


