Teil eines Werkes 
8. Band (1844)
Einzelbild herunterladen

1. †

„So ſchlagt denn zu!“ fuhr Gabriel fort. Hier,“ ſagte er, indem er dem Steinbrecher auf den Haufen deutete, „hier ſind die Richter und Ihr ſeid der Scharfrichter.

„Nein, ich bin nicht der Scharfrichter!“ ſagte der Stein⸗ brecher zurückweichend und die Augen abwendend.

Der Haufe blieb ſtumm. Einige Augenblicke ſtörte kein Laut die Stille des hohen Domes. In einem verzweifelten Fall hatte Gabriel mit tiefer Kenntniß des menſchlichen Her— zens gehandelt. Wenn die Menge, von blinder Wuth irre⸗ geleitet, auf ein Opfer mit wildem Geſchrei eindringt, wenn jeder ſeinen Schlag führt, ſo ſcheint dieſer gemeinſchaftliche Mord Allen weniger abſcheulich, weil Alle die Verant⸗ wortlichkeit unter ſich theilen, und weil das Geſchrei, der Anblick des Bluts, der verzweifelte Widerſtand des Schlacht⸗ opfers am Ende eine Art wilder Trunkenheit hervorbringen. Aber man nehme von den Raſenden, die an dem Todtſchlag Theil genommen, einen Einzelen, ſtelle ihn allein einem wehr⸗ loſen Opfer gegenüber und ſage ihm: Schlag zu! — faſt nie wird er das Herz dazu haben. So war es mit dem Stein⸗ brecher. Er zitterte bei dem Gedanken an einen Mord, den er allein kaltblütig begehen ſollte.

Unter Denjenigen, welche dem Gitter am nächſten ſtanden, begriffen einige nicht den Eindruck, welchen ſie nicht weniger als der Steinbrecher empfunden haben würden, wenn zu jedem insbeſondere geſagt worden wäre: Verſieh das Amt des Scharfrichters! Sie murrten über die Schwäche ihres An⸗ führers. „Er wagt es nicht, dem Vergifter den Reſt zu geben,“ ſagte Einer. „Der Haſe! — Er hat Angſt! — Er ſchiebt ſich davon!“ riefen Andere.

Der Steinbrecher ging an das Gitter, ſperrte die Thür weit auf und rief, auf Aigrigny deutend: „Wer herzhafter iſt als ich, der gebe ihm den Reſt und mache den Scharf⸗ richter. Wir wollen ſehen.“

Das Murren hörte auf. Abermals herrſchte tiefe Stille im Dom. Die eben noch ſo zornigen Mienen wurden düſter, verwirrt, faſt ängſtlich. Der irregeleitete Haufe begann, die Schändlichkeit ſeines Beginnens zu fühlen. Keiner hätte mehr gewagt, für ſich allein auf den Sterbenden zu ſchlagen. Plötzlich ließ Aigrigny ein Röcheln, wie das eines Sterben⸗