Teil eines Werkes 
8. Band (1844)
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Unter allen Quartieren von Paris bot jedoch in der Cholera⸗ zeit wol keins einen ſchrecklicheren Anblick dar, als das der Altſtadt (Cité). In dieſer Altſtadt war der Platz vor der Liebfrauenkirche faſt täglich der Schauplatz grauſiger Auf⸗ tritte, da die meiſten Kranken, welche aus den benachbarten Straßen ins Hötel Dieu gebracht wurden, auf dieſem Platz zuſammenſtrömten.

Die Cholera hatte tauſenderlei Geſtalten. Acht Tage nach⸗ dem Rodin von ihr befallen worden war, ſah man auf dem Liebfrauenplatz Dinge, bei welchen das Grauſige dem Selt⸗ ſamen den Rang ſtreitig machte.

Statt der Arcolaſtraße, welche heutzutag geradeswegs auf dieſen Platz führt, gelangte man damals von einer Seite auf denſelben durch ein, gleich allen Gaſſen der Altſtadt, ſchmutziges Gäßchen, deſſen Ende durch einen dunkeln niedri⸗ gen Bogen gebildet war. Trat man aus dieſem auf den Platz, ſo hatte man zur Linken das Portal der gewaltigen Hauptkirche und gerade vor ſich die Gebäude des Hötel Dieu. Etwas weiter ſah man durch eine Lücke zwiſchen den Ge⸗ bäuden das Geländer des Liebfrauenkais. An der ſchwarzen, riſſigen Mauer war folgende kürzlich angeheftete Inſchrift in Buchſtaben von getriebenem Kupfer zu leſen ¹):

Rache! Rache!

Die armen Leute, welche ſich in die Spitäler bringen laſſen, werden dort vergiftet, weil man die Zahl der Kranken zu Froß findet. Jede Nacht fahren mit Leichen beladene Schiffe die Seine hinab.

Rache und Tod über die Mörder des Volks!

Zwei in Mäntel gehüllte Männer horchten, halb in dem Dunkel des Bogens verſteckt, auf ein Getöſe, welches ſich

) Bekanntlich wurden während der Cholera ſolche Maueranſchläge in Menge zu Paris gemacht und verſchiedenen Parteien zugeſchrie⸗ ben — unter andern der Pfaffenpartei, da mehre Biſchöfe in ihren Hirtenbriefen geſagt oder in den Kirchen ihrer Sprengel hatten

ſagen laſſen, der liebe Gott habe die Cholera geſchickt, um Frank⸗

reich für die Vertreibung ſeiner rechtmäßigen Herrſcher zu ſtrafen

und dafür, daß es den katholiſchen Cultus den andern gleichge⸗

ſtellt habe.

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