Teil eines Werkes 
6. Band (1844)
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Stirn und rief: „Wo hatte ich nur meine Gedanken! — Wiſſen Sie, liebes Kind, wo Ihre Schweſter iſt?“

Verwirrt und beſchämt durch dieſe unerwartete Frage, er⸗ röthete die Mayeur. Sie erinnerte ſich ihrer letzten Zuſam⸗ menkunft mit der glanzvollen Königin Bacchanal und er⸗ widerte: „Seit mehren Tagen habe ich meine Schweſter nicht geſehen.“

„Liebes Kind,“ ſagte Rodin, „es geht ihr übel. Ich habe einer ihrer Freundinnen verſprochen, ihr eine kleine Unter⸗ ſtützung zu ſchicken. Ich habe mich an eine mitleidige Per⸗ ſon gewandt und dieß für ſie erhalten.“ Er zog eine ver⸗ ſiegelte Geldrolle aus der Taſche und überreichte ſie der Mayeur, welche eben ſo überraſcht wie gerührt war.

„Sie haben eine unglückliche Schweſter und ich weiß nichts davon?“ rief Adriana lebhaft. „O, mein Kind, das iſt nicht recht!“

„Tadeln Sie das Mädchen nicht,“ bat Rodin. „Erſtlich wußte ſie nicht, daß es ihrer Schweſter übel geht, und dann konnte ſie Ihnen nicht zumuthen, etwas für dieſelbe zu thun.“

Erſtaunt ſah Adriana den Jeſuiten an. Dieſer fragte die Mayeur: „Iſt es nicht ſo, liebes Kind?“

Die Mayeur erröthete von Neuem und antwortete, die Augen niederſchlagend: „Ja.“ Sodann fragte ſie ängſtlich „Wo haben Sie denn meine Schweſter geſehen? Wo iſt ſie? In wiefern geht es ihr übel?“

„Liebes Kind, dieß wäre zu weitläufig, Ihnen zu ſagen. Gehen Sie ſo bald wie möglich in die Clovisſtraße in das Haus der Gemüſehändlerin und ſagen Sie, Sie wollten mit Ihrer Schweſter ſprechen im Auftrag des Herrn Charlemagne oder des Herrn Rodin, — wie Sie wollen, denn ich bin in dieſem meinem Abſteigquartier eben ſo bekannt unter meinem Taufnamen wie unter meinem Familiennamen. Dann wer⸗ den Sie das Uebrige erfahren. Ihrer Schweſter ſagen Sie, wenn ſie ordentlich iſt, wenn ſie bei ihren guten Entſchließungen beharrt, ſo wird man ſich auch ferner um ſie bekümmern.“