Teil eines Werkes 
6. Band (1844)
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„Und wie wir ſie, Gott ſei Dank, finden, werthes Fräu⸗ lein,“ erwiderte Rodin mit einer Verbeugung gegen die Rätherin.

Die Mayeur erhob langſam die Augen zu dem Jeſuiten. Beim Anblick dieſes wohlwollend lächelnden Leichengeſichts erbebte ſie. Sie hatte dieſen Menſchen noch nie geſehen, und doch empfand ſie auf der Stelle faſt dieſelbe ängſtliche Abneigung gegen ihn, welche er gegen ſie inſten hatte. In der Regel ſcheu und verwirrt, konnte ſie ihren Blick nicht von dem Blick Rodins abwenden. Ihr Herz klopfte heftig wie bei der Nähe einer großen Gefahr, und da ſie nur für die zu fürchten pflegte, welche ſie liebte, ſo näherte ſie ſich unwillkürlich dem Fräulein, ſtets ihre Augen auf Rodin heftend.

Rodin wußte zu gut im Geſicht des Menſchen zu leſen, als daß er nicht den gefährlichen Eindruck hätte bemerken ſollen, den er machte. Statt die Augen vor ihr niederzu ſchlagen, bettachtete er ſie mit ſo anhaltender Aufmerſamkeit, daß Adriana darüber in Erſtaunen gerieth. „Verzeihen Sie, liebes Kind,“ ſagte er, indem er that, als beſänne er ſich auf Etwas. „Sind Sie nicht vor einigen Tagen im Marien⸗ kloſter hier neben geweſen?“

„Ja,“ antwortete die Mayeur.

„Nun habe ich Gewißheit!“ rief Rodin. „Sie ſind es. Wo hatte ich nur meinen Kopf? Sie ſind es. Ich hätte das früher errathen ſollen.“

„Was meinen Sie denn?“ fragte Adriana.

„O, Sie haben Recht, werthes Fräulein,“ erwiderte Ro⸗ din, auf die Mayeur deutend. „Vas iſt ein edles Herz, ein Herz, wie wir es ſuchen. O wenn Sie wüßten, mit welcher Würde, mit welchem Muth dieß arme Mädchen, während es ohne Arbeit war — und keine Arbeit haben, heißt für ſie von Allem entblößt ſeyn, — wenn Sie wüßten, ſage ich, mit welcher Würde ſie den ſchimpflichen Lohn zurückgewieſen hat, den die Oberin ſchändlicher Weiſe ihr anbot, um ſie zu vermögen, eine Familie, bei der ſie in Dienſt ireten auzukundſchaften·⸗