ihre Ergebenheit für Agricola, er wußte, daß ſie dieſelbe ſeit einigen Tagen auf das Fräulein von Cardoville erſtreckt hatte, und hatte keine Luſt, dieſe Zuneigung noch ſeinerſeits zu ſteigern. Dabei bedachte er, daß man nie einen Feind oder einen Freund verachten darf, ſo gering er auch ſeyn möge. Sein Feind aber war, wer ſich dem Dienſte Adrianens von Cardoville widmete. Wir wiſſen, daß Rodin mit einer ſeltenen Willenskraft gewiſſe abergläubige Schwächen ver⸗ band. Er fühlte ſich beunruhigt durch ein dunkles Gefühl von Beſorgniß, welche die Mayeur ihm einflößte und beſchloß, ſich dieſe Ahnung oder dieß Vorgefühl zu merken.
Zartfühlende Seelen äußern manchmal mit an ſich ganz
unbedeutenden Dingen ihre angeborne Anmuth und Güte. Nachdem die Mayeur viele Thränen des Dankes vergoſſen hatte, nahm Adriana ein reich geſticktes Schnupftuch und wiſchte die Thränen von dem ſchwermüthigen Geſicht des armen Mädchens ab. Dieß erſparte der Mayeur eine De⸗ müthigung. Demüthigung und Schmerz ſind die beiden Ab⸗ gründe, neben welchen das Unglück ſtets einhergeht. Darum iſt zarte Zuvorkommenheit ſelbſt in Kleinigkeiten für das Unglück faſt immer eine doppelte Wohlthat. Man belächelt vielleicht dieſe ins Kleine gehende Schilderung als kindiſch. Nichts deſto weniger iſt es wahr, daß die arme Mayeur, welche nicht wagte, ihr kleines zerriſſenes Schnupftuch herauszu⸗ ziehen, lange vor Thränen nicht hätte aus den Augen ſehen Fönnen, wenn Adriana ſie nicht abgetrocknet hätte. „Sie ſind gütig, — v, Sie beweiſen eine edle Barmherzig⸗ keit!“ das war Alles, was die Mayeur ſagen konnte, vielleicht tiefer gerührt über dieſe kleine Aufmerkſamkeit, als ſie es über einen geleiſteten Dienſt geweſen ſeyn würde.
„Betrachten Sie dies Mädchen,“ ſagte Adriana zu Rodin, der auf dieß Wort ſchnell näher kam. „Das iſt ein Schatz, den ich entdeckt habe,“ fügte ſie mit Stolz hinzu. „Be⸗ trachten Sie dieß Mädchen und lieben Sie es, wie ich es
liebe, ehren Sie es, wie ich es ehre. Das iſt eins der Her⸗ zen, wie wir es ſuchen.“


